Karlshorst: Erste Flüchtlinge ziehen am Wochenende in neue Unterkunft

5.8.15 BEZIRKS JOURNAL

Ein früheres Bürogebäude der Deutschen Telekom wird bereits am Wochenende zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge hergerichtet. Sonnabend werden die ersten Bewohner erwartet. „Stück für Stück soll die Einrichtung zu einer Gemeinschaftsunterkunft hergerichtet werden“, sagte Berlins Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle (CDU) am Mittwochabend auf einer eilig einberufenen Anwohnerversammlung. Anfangs sollen an der Köpenicker Allee 146 rund 300 Geflüchtete einziehen. Befürchtungen von Anwohnern, dass die Zahl sogar bis auf 1.000 steigen kann, dementiert niemand auf dem Podium. Von Marcel Gäding.

Der Weg endet in einer Sackgasse: Zwischen Bahngleisen und Kleingärten liegt ein Bürogebäude, das einst ein Standort der Deutschen Telekom war. Das Areal an der Köpenicker Allee wirkt gepflegt, dicke Eisentore und Mauern umgeben die leerstehende Immobilie. An diesem späten Mittwochnachmittag fährt die Polizei Streife, spricht verdächtige Personen an. Schon ab Sonnabend sollen in die einstigen Büros Flüchtlinge einziehen. Doch bei einem Provisorium wird es nicht bleiben. Sukzessiv entsteht in Karlshorst eine Gemeinschaftsunterkunft, die auf Dauer angelegt ist. „Wir beabsichtigen einen Vertrag für eine Laufzeit von zehn Jahren“, erklärt Staatssekretär Gerstle den teilweise erbosten Anwohnern. Dem Vernehmen nach mietet das Land Berlin die Immobilie von einem privaten Eigentümer, der eigentlich dort Wohnungen bauen wollte. Wer das Heim dauerhaft betreiben wird, ist derzeit unklar. Fakt ist aber, dass aktuell bis zu 400 Flüchtlinge am Tag nach Berlin kommen. „Im Juli haben wir 4.150 Flüchtlinge aufgenommen“, erklärt Gerstle. „Das sind mehr als wir im gesamten Jahr 2011 registriert haben.“

Die Nachricht, dass an der Köpenicker Allee eine Notunterkunft für Flüchtlinge entstehen soll, ist gerade einmal zwei Tage alt. „Wir sind am Donnerstag von der Senatsverwaltung informiert worden“, sagt Lichtenbergs stellvertretender Bezirksbürgermeister Dr. Andreas Prüfer (DIE LINKE). Gut 400 Menschen sind an diesem Mittwochabend in die Kirche Zur frohen Botschaft gekommen. Alle Plätze sind besetzt, unten im Kirchenschiff ebenso wie auf der Empore. Einige Zuhörer müssen stehen. Vor dem Haus parkt ein Streifenwagen der Polizei. Bevor der Vizebürgermeister mit dem Staatssekretär den aktuellen Stand der Dinge darlegt, gibt es ein kleines Stück auf der Elektroorgel und von Pfarrerin Sapna Joshi einleitende Worte: „Jeder von uns wird hier gebraucht.“ Wie sich später zeigt, sehen das nicht alle so.

An diesem Abend sind die Lager gespalten: Mal gibt es Applaus dafür, dass traumatisierte Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufgenommen werden sollen. Ein anderes Mal klatscht ein Großteil des Publikums, als eine Anwohnerin von der Empore in Richtung Politiker ruft: „Sie müssen Ihren Anteil dazu beitragen, dass unsere Sicherheit gewährleistet ist.“ Zu Wort kommen besorgte Kleingärtner, deren Parzellen sich wie ein Ring um das neue Flüchtlingsheim ziehen. „Es wäre blauäugig zu sagen, wir freuen uns und klatschen in die Hände“, sagt Erich Looff, der Vorsitzende des Bezirksverbandes der Kleingärtner in Lichtenberg. Er bittet darauf zu achten, dass die Sorgen und Nöte der Bürger, aber auch der Kleingärtner ernstgenommen werden. Gleichzeitig kündigt er aber die Bereitschaft an, gemeinsam mit Flüchtlingen in Projekten arbeiten zu wollen.

Zunächst soll das Deutsche Rote Kreuz das Areal an der Köpenicker Allee übernehmen. Bevor hauptamtliche Mitarbeiter die Gemeinschaftsunterkunft aufbauen, werden Angehörige des Katastrophenschutzes sowie des Technischen Hilfswerks das Gebäude notdürftig herrichten, wie Jens Quade, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes Müggelspree, sagt. „Wir werden versuchen, die notwendige Infrastruktur zu schaffen“, sagt Quade. Aus der Sicht des DRK sei das Gebäude von den möglichen Unterkünften in der Region am geeignetsten. Nach und nach werden bei laufendem Betrieb die Etagen für einen Dauerbetrieb hergerichtet. Auch ein Netzwerk bürgerschaftlich engagierter Karlshorster existiert bereits. Es gebe viele Anfragen, vor Ort im Heim ehrenamtlich zu helfen. „Wir freuen uns über 300 neue Menschen bei uns“, sagt Dr. Andreas Köhler, der Vorsitzende des Bürgervereins. Und erklärt: „Wir müssen aber auch diejenigen mitnehmen, die heute nicht hier sind und Kritik üben.“

Am Abend der Anwohnerversammlung gibt sich Vizebezirksbürgermeister Dr. Andreas Prüfer große Mühe, vorhandene Ängste auszuräumen – und liefert Tatsachen. „Nach Darstellung der Polizei gibt es im Umfeld unserer Flüchtlingsheime keine gestiegene Kriminalität“, sagt er. Und fügt hinzu: „Im Gegenteil, an einigen Standorten ist die Kriminalität sogar zurückgegangen.“ Für einige Herren in den hinteren Reihen wäre jetzt ein beruhigendes Orgelied das richtige. Stattdessen springt einer von ihnen von der Kirchenbank und schreit die halbe Kirche zusammen.

Doch ob berechtigter oder unberechtigter Protest, die Inbetriebnahme der Notunterkunft ist beschlossene Sache. Während das DRK zunächst die Hausleitung übernimmt, womöglich auch langfristig das neue Flüchtlingsheim betreiben wird, steht der Bezirk vor ganz anderen Problemen. Denn gut 30 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder zwischen 0 und 18 Jahren, viele davon im schulpflichtigen Alter. Aber: Die Schulen in Karlshorst sind übervoll. „Im Moment haben wir keine Idee“, räumt Prüfer ein und verrät dann doch eine mögliche Variante. Weil auf dem Areal an der Köpenicker Allee genügend Platz vorhanden ist, könnte dort ein Schulneubau entstehen. „Allerdings: Wenn wir dort jetzt bauen, ist das Problem morgen nicht gleich gelöst.“

Bei allen Meinungsverschiedenheiten an diesem Abend, einig sind sich die Anwohner dann aber bis auf einige Krakeeler doch. „Solche ekelhaften Sachen wie in Freital wollen wir ganz bestimmt nicht“, sagt ein Anwohner und bekommt tosenden Beifall.

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