Lageso völlig überfordert

6.8.15 Berliner Zeitung
Aufnahmestelle für Flüchtlinge völlig überfordert

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales ist die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin. Doch den derzeitigen Flüchtlingszahlen ist die Behörde nicht gewachsen. Hunderte Menschen warten vor dem Gebäude in der Hitze, bislang wurden sie nicht einmal ausreichend mit Wasser versorgt.

„Zurück, zurück, alle zurück!“, rufen die Sicherheitsmänner in den roten T-Shirts. Zwei sind auf die Absperrgitter gestiegen, damit die Leute sie besser sehen. Einer drängt sich in die Schlange der Wartenden hinein, um zu verhindern, dass sie immer weiter drängen. „Zurück“ dürfte für viele das erste deutsche Wort sein, das sich ihnen einprägt. Dabei wollen sie nicht zurück. Sie sind Flüchtlinge, sie wollen rein. Rein nach Deutschland. Zuerst aber rein ins Gebäude des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Turmstraße in Moabit.
Für Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, ist es die erste Anlaufstation in der Stadt, denn hier befindet sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAA). So viele wie in diesen Tagen wollten noch nie rein ins Lageso, seit es 2007 an die Turmstraße zog. Damals kamen rund 1000 Flüchtlinge pro Jahr, so viele wie heute an zwei Tagen. Insgesamt besuchen mehr als 2500 die Behörde pro Tag. Am Lageso herrscht Ausnahmezustand.

Einen Krisenplan gibt es nicht
Hunderte Leute halten sich an diesem Donnerstagmorgen vor der Behörde auf. Überall auf den Grünflächen des ehemaligen Klinikgeländes campieren Menschen – einzeln, zu zweit, in Familien. Etliche haben die Nacht hier verbracht. In den frühen Morgenstunden stellen sich die ersten in die Schlange vor dem Eingang. Stunden müssen sie warten, wenn sie überhaupt drankommen.
Nach und nach versuchen die Mitarbeiter des Lageso, sich auf die Lage einzustellen. Es gelingt ihnen kaum. „Die Massen sind nicht zu bewältigen“, sagt ein Mitarbeiter. Die Absperrgitter vor dem Eingang wurden erst kürzlich aufgestellt, nachdem die Behörde Ende voriger Woche förmlich überrannt wurde. Bis Donnerstag gab es auch nur einen einzigen Wasserhahn vor dem Gebäude, aus dem die Menschen trinken konnten. Nun wollen die Wasserbetriebe die Menschen aus Tanks versorgen.
Am Ende der Schlange steht ein Mitarbeiter und verteilt die Wartenden. Wer einen Termin hat, darf ins Gebäude und muss abermals anstehen. Neuankömmlinge schickt der Mann, der von der Bundeswehr abgestellt wurde und seinen Namen nicht nennen will, zu den Zelten vor dem Gebäude. Er kann das inzwischen auch auf Arabisch sagen – die Syrer und Iraker lächeln dankbar.
Im zehnten Stock des Gebäudes hat Lageso-Präsident Franz Allert sein Büro. Die Fenster sind offen, so dringen die Stimmen der Wartenden in den Raum. Ob er einen Krisenplan habe? Ein Anflug eines Lächelns huscht über Allerts Gesicht. „Es gibt keinen Plan, denn es ist niemand da, der ihn entwickeln könnte.“ In Schichten arbeiten seine Mitarbeiter von 7 Uhr morgens bis halb acht am Abend. „Das macht sonst keine Behörde.“
Seit 2003 leitet Allert das Lageso, 2015 ist ohne Zweifel sein Schreckensjahr. Wirtschaftsprüfer wiesen nach, dass seine Behörde schwere Fehler bei der Neueinrichtung von Flüchtlingsunterkünften begangen hat, die Senatsverwaltung zog die Zuständigkeit an sich.
Wohl auch deshalb prüft Allert in diesen Tagen die Rechnungen penibel, die Hotels und Hostels ans Lageso schicken. Seine Behörde drückt Flüchtlingen Gutscheine in die Hand, Übernachtungskosten bis zu 50 Euro werden übernommen. Doch Allert will diesen Betrag nicht ungeprüft auszahlen. „Da gibt es Betreiber, die wollen 50 Euro pro Nacht für einen Platz im Achtbettzimmer. Das zahle ich nicht.“ Die Folge: Viele Hostels akzeptieren die Gutscheine nicht mehr. Manche Flüchtlinge finden gar keine Unterkunft, kehren zurück zum Lageso, wo der Andrang umso größer wird.

Allert plädiert für Notunterkünfte
Die einzige Lösung, meint Allert, sind mehr Plätze in Notunterkünften. 300 neue Plätze stehen von diesem Wochenende an in der Köpenicker Allee in Karlshorst zur Verfügung. Ausreichen werden sie nicht. „Selbst Zelte wären besser als dieser Zustand“, sagt Allert. Zwanzig Minuten nimmt er sich Zeit für das Gespräch. Seinen nächsten Gast lässt er warten. Es ist ein Hostelbetreiber, der sein Geld eintreiben will.

Kasernen als Unterkunft
Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) will Flüchtlinge aus Berlin künftig verstärkt in leerstehenden Kasernen in den neuen Bundesländern unterbringen. Czaja unterstützt damit einen entsprechenden Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne).
Das Quotensystem, nachdem die Asylbewerber auf die 16 Länder verteilt würden, sei angesichts der dramatischen Lage nicht mehr zeitgemäß, sagte Czaja der „Berliner Morgenpost“ (Freitag). (dpa)
Eine der Notunterkünfte, an denen es Berlin so mangelt, steht nur anderthalb Kilometer entfernt vom Lageso am Moabiter Poststadion. Seit November vorigen Jahres betreibt die Stadtmission dort zwei Traglufthallen mit 294 Plätzen. Innen ist es freundlich eingerichtet, knapp zehn Freiwillige sind an diesem Vormittag da. Einer erzählt, er arbeite sonst in einer Werbeagentur. Nun händigt er den Ankommenden ihre Bettwäsche aus, zeigt ihnen ihre Schlafkabinen. Manche Flüchtlinge seien strukturiert und wüssten, was sie wollten, sagt Pressesprecherin Ortrud Wohlwend. Andere würden angespült wie Bälle im Meer. „Ich glaube, einige wissen nicht mal, dass sie in Deutschland sind“, meint eine Helferin.
Die Temperaturen in der größeren der zwei Hallen lassen auch nicht darauf schließen. Mehr als 30 Grad dürften es im Inneren sein. Eigentlich sollten die Hallen nur bis Ende April bleiben, doch das Land verlängerte den Vertrag um ein Jahr. Was danach geschieht, weiß Ortrud Wohlwend nicht. Es hängt wohl davon ab, wie sich die Flüchtlingszahlen entwickeln. Dass sie zurückgehen könnten, darauf deutet im Moment wenig hin.

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/asylbewerber-in-der-zaa-berlin-moabit-aufnahmestelle-fuer-fluechtlinge-voellig-ueberfordert,10809148,31405008.html