Das Containerdorf in Lichterfelde

10.08.2015 Morgenpost
Das etwas andere Containerdorf in Berlin

In Lichterfelde eröffnet eine Flüchtlingsunterkunft, in der Menschen untergebracht werden, die als besonders schutzbedürftig gelten.

Sechs Containerdörfer für Flüchtlinge hat der Senat in den vergangenen Monaten errichten lassen. Als letztes soll Ende August die Unterkunft am Ostpreußendamm in Lichterfelde im Bezirk Steglitz-Zehlendorf eröffnet werden. Die Containerdörfer wurden viel gescholten – bevor sie gebaut wurden. Man könne Menschen doch nicht in Blechbüchsen zusammenpferchen, hieß es. Doch viele Kritiker revidierten ihr Urteil, nachdem sie ein solches Heim einmal von innen gesehen hatten. Das wird insbesondere am Ostpreußendamm auch so sein, denn dieses Containerdorf ist anders als die anderen. Davon können sich die Berliner selbst überzeugen, beim Tag der offenen Tür am 30. August.

Die Unterkunft besteht aus zwei Gebäuderiegeln mit jeweils drei Stockwerken. Der kleinere, Haus eins, steht mit der Längsseite direkt am Ostpreußendamm. Das größere Haus zwei steht im spitzen Winkel dazu auf dem hinteren Teil des mehr als 9000 Quadratmeter großen Grundstücks, von der Straße aus kaum sichtbar. Von außen ist unverkennbar, dass die Gebäude aus einzelnen Containern zusammengesetzt sind. Wie bei den anderen Dörfern sind sie verschiedenfarbig lackiert. Allerdings diesmal nicht so knallig bunt. Blau, Grün und Gelb wurden in Pastelltönen gemischt. Die Nachbarn werden es danken. Im Innern aber erinnert nichts mehr an einen Containerbau, man denkt eher an ein Fertighaus.

Wohnlicher Eindruck
Das haben die Modulbaufirma Algeco, die gemeinnützige „Milaa“ als künftige Betreiberin und die Task Force des Bauherrn – das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) – mit vielen Details erreicht. So werden hier die Etagen nicht über außen am Gebäude angebrachte Treppentürme erschlossen, sondern über jeweils zwei Treppenhäuser innen. Die sehen aus wie Treppenhäuser in anderen Neubauten auch. Die Wände sind tapeziert, das Deckenlicht kommt nicht aus kalten Neonröhren sondern aus ansprechenden runden Leuchten. Die Zimmertüren sind nicht weiß lackiert, sondern mit einem hellen Holzfurnier versehen. Der Bodenbelag hat in jeder Etage eine andere Farbe, das sieht nicht nur gut aus, sondern hilft vor allem Kindern, sich in dem neuen Zuhause leichter zurechtzufinden. Alles macht einen wohnlichen Eindruck. Und alles wurde nach neuesten ökologischen und energetischen Standards gefertigt. Das Heim ist zunächst für zwei Jahre genehmigt, die Container halten mindestens zehn Jahre.

Die Etagen sind jeweils in drei Bereiche unterteilt. In der Mitte wohnen Familien, links Frauen, rechts Männer. Die drei Bauteile sind baulich leicht versetzt angeordnet. Auch das erleichtert die Orientierung, außerdem haben die Architekten damit lange Flure vermieden. „Wir haben bei jedem Containerdorf dazugelernt“, sagt Detlef Cwojdzinski, Leiter der „Task Force Notunterbringung“ im Lageso. Die Behörde hat mit der Planung und dem Bau dieser sechs Unterkünfte Neuland betreten. Im Spätsommer vergangenen Jahres fiel der Beschluss, auf diesem Weg in Landesregie mehr als 2200 Plätze für Flüchtlinge zu schaffen. Nach einem Jahr und unzähligen Überstunden können Cwojdzinski und seine zwölf Mitarbeiter sagen: „Mission erfüllt“. Das ist respektabel, auch wenn der ursprüngliche Plan war, alle Containerdörfer bis April zu eröffnen.

Den Lernprozess haben nicht nur die Architekten des landeseigenen Immobilienunternehmens Berlinovo, die inzwischen die Task Force unterstützen, mit ihren Ideen befördert. Auch Gisela Netzeband, Geschäftsführerin der „Milaa“, hat viel dazu beigetragen, dass diese Unterkunft anders aussieht als andere. Sie hat jahrzehntelange Erfahrung im Bau und der Einrichtung von Heimen. So wurden mehr Aufenthaltsräume geplant, 30 Quadratmeter groß und mit einer kleinen Küchenzeile versehen, mehr Lagerflächen für die zu erwartenden Spenden und Räume, in denen Kinderwagen abgestellt werden können. 32 Zimmer mit eigenem Sanitärbereich sind groß genug für vier Personen und speziell für Familien gedacht. Immerhin werden von den 300 Bewohnern etwa ein Drittel Kinder sein. Die in einer solchen Unterkunft naturgemäß stark beanspruchten Küchen wurden mit Stühlen und Arbeitstischen aus Edelstahl ausgestattet, die Herde schalten sich automatisch ab. In den Sanitärbereichen wurden auch einige Hocktoiletten eingebaut.

Schutz für Frauen, Homosexuelle, Traumatisierte
Dieses Containerdorf wird sich aber auch durch die Menschen, die dort leben, von anderen unterscheiden. Zwei Drittel, also 200 Menschen, werden Flüchtlinge sein, die als besonders schutzbedürftig gelten. Dazu zählen alleinstehende Frauen mit Kindern, Behinderte, Schwangere, Homosexuelle und maximal 70 traumatisierte Menschen. Speziell für diese Schutzbedürftigen wurde die Anlage konzipiert. Deshalb wird auch die Betreuung intensiver ausfallen als in anderen Einrichtungen, deshalb wurde das Erdgeschoss des Hauses 2 komplett behindertengerecht gestaltet. Der Amtsarzt von Steglitz-Zehlendorf, Andreas Beyer, hat bereits ein lokales ärztliches Netzwerk zur Betreuung der Heimbewohner aufgebaut, mit der Klinik für Psychiatrie im Theodor-Wenzel-Werk ist ebenfalls eine Zusammenarbeit verabredet.

Und natürlich richten sich auch die „Milaa“, eine Tochter des Evangelischen Diakonievereins Zehlendorf, und das Stadtteilzentrum Steglitz, das die Nachbarschaftsarbeit organisiert, auf die spezielle Klientel ein. „Das Wichtigste ist der Geist, den man in ein Gebäude hineinträgt“, sagt Gisela Netzeband. Wertschätzung und Sinnstiftung sind dabei ihre Schlüsselbegriffe. Ein sinnstiftendes Element soll der Garten sein, der auf dem Grundstück angelegt wird. Dort können die Flüchtlinge mitarbeiten, wenn sie möchten, können selbst etwas anbauen, können mit ihren Händen etwas schaffen. Das großzügige Grundstück ermöglicht aber auch besondere Angebote für Jugendliche. Ein Teil des Geländes wird von einem Jugendclub genutzt, der dort eine „Dirtbahn“ für BMX-Räder und Mountainbikes hat. Der Club wird mit dem Flüchtlingsheim kooperieren. Ein Beachvolleyballfeld soll ebenfalls noch angelegt werden. Der Abstand zu den Nachbarn ist größer als vorgeschrieben, trotzdem soll noch ein Waldsaum angelegt werden, der die Unterkunft ein wenig abschirmt.

Sprachvermittlung, Kunst und Musik, Sport und Yoga, und natürlich der Garten – das sind Angebote, die Gisela Netzeband den Flüchtlingen machen möchte. Da setzt sie auch auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen, die sich bereits zahlreich gemeldet haben und von denen viele bereits einer Arbeitsgruppe des Stadtteilzentrums Steglitz angehören. Der Verein hat auch den Blog „www.steglitzhilft.de“ eingerichtet, der über die Aktivitäten in der Flüchtlingshilfe berichtet und der beiträgt, die Hilfe zu koordinieren.

Auch Cornelia Seibeld, CDU-Abgeordnete und stellvertretende Kreisvorsitzende hält die Unterkunft für gelungen. „Ich habe sehr für diesen Standort gekämpft, auch für schwer traumatisierte Flüchtlinge“, sagte sie der Berliner Morgenpost bei einer Baustellenbesichtigung. Die Akzeptanz in der Nachbarschaft sei sehr gut, das habe sich auch bei Anwohnerversammlungen gezeigt. Im Blick behalten müsse man allerdings die nahegelegene Thermometersiedlung. Die gilt als sozialer Brennpunkt.

http://www.morgenpost.de/berlin/article205552055/Das-etwas-andere-Containerdorf-in-Berlin.html