Mein Mitbewohner, der Flüchtling

15.08.2015 Tagesspiegel

Eine WG in Kreuzberg. Zwei Studenten, dazu ein Mitbewohner aus dem Tschad und einer aus Syrien. Wie lebt es sich mit Menschen, die alles verloren haben – oder nie etwas hatten? Schwierig, sagt unser Autor. Aber er würde es wieder tun. Ein Erfahrungsbericht

Eine Matratze mehr. In diesem Raum wohnen der Syrer Ahmad (links) und Youssouf aus dem Tschad (hinten) zusammen mit unserem Autor und einer Freundin. Youssouf möchte auf Fotos nicht erkennbar sein.Bild vergrößernEine Matratze mehr. In diesem Raum wohnen der Syrer Ahmad (links) und Youssouf aus dem Tschad (hinten) zusammen mit unserem Autor und einer Freundin. Youssouf möchte auf Fotos…

Hast du die Papiere?“, schreie ich Youssouf auf Englisch am Telefon an. „Nein? Wo zur Hölle bist du? Verstehst du eigentlich, um was es geht?“ „Gib mir mal“, sag Ahmad ruhig und nimmt mir das Handy aus der Hand. Ich verjage eine Taube, die mich dämlich anglotzt und darauf wartet, dass ihr ein Stück meiner Pizza zufällt. Als ich vor einer Woche anfing, an dieser Reportage zu arbeiten, war längst nicht klar, was für ein dramatisches Ende die Geschichte noch nehmen würde.

DIENSTAG, 25. JULI
Ahmad, Youssouf und ich sitzen um den Esstisch in meiner WG, saugen Spaghetti auf, die Youssouf gekocht hat. Er hat eine witzige Art, Spaghetti zu kochen. Er nimmt eine Pfanne, packt Nudeln rein, Wasser drüber, eine Prise Salz und alles zusammen auf den Gasherd. Ahmad und ich kringeln uns jedes Mal vor Lachen, während Youssouf beschwichtigt: „Vertraut mir, ich habe über ein Jahr eine eigene Bude in Kamerun gehabt. Nur Spaghetti und Omelette. Ist aber schon lange her.“

Ahmad und Youssouf sind Flüchtlinge (auch wenn Ahmad das Wort nicht gerne hört und Youssouf eigentlich anders heißt). Sie wohnen bei mir. Vorübergehend. In meiner WG in Kreuzberg, zwischen Spätis und Hipster-Cafés. Ich teile mir hier mit Toni, einer guten Freundin, ein Zimmer. Es ist eine Studentenbruchbude in der x-ten Generation. An den Wänden hängen Poster von vergangenen Raves, ein loses Schwarzlicht baumelt vom Schrank. Unter die Decke hat Toni eine alte Computertastatur gehängt – „Kunst“, wie sie behauptet. Auf dem Boden liegen zwei Matratzen, eine große doppelte und eine einfache Schaummatratze. In der Mitte ein runder Gartenplastiktisch mit einem semi-appetitlichen gelben Tischtuch, auf dem immer Tabakkrümel liegen. Manchmal, wenn ich hier sitze und mir eine Zigarette drehe, denke ich, dass Häuser wie Bücher sind. Die die Geschichten ihrer Bewohner sammeln. Ahmad und Youssouf, ein neues Kapitel.

Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Klar, beide laufen weg. Ahmad vor dem Krieg, Youssouf vor dem Leben, vor der Armut, der Verantwortung, den Menschen, die ihm Böses wollen. Ahmad kommt aus Damaskus, Syrien. Youssouf aus dem Tschad. Ahmad ist zielstrebig, weiß, wo er hinwill. Sein Weg ist – mit Unterbrechungen – wie mit dem Lineal gezogen. Er betet zu Gott, weiß aber, dass nur er selbst sein Leben in der Hand hat. Und das von viel mehr Menschen gleich noch dazu. Wie vielen er geholfen hat zu fliehen? Er weiß es nicht mehr, sagt er. Für seine Freunde hat er Schlepper gebucht und kontaktiert, hat Verstecke in der Türkei, Griechenland und Bulgarien ausgekundschaftet. 150 Menschen hat er durch makedonische Wälder gelotst, als die teuer bezahlten Anführer erst die Orientierung und dann den Verstand verloren hatten.

Youssouf hatte sein Leben nie in der Hand. Er ist unsicher. Verdammt unsicher, er zuckt schon zusammen, wenn ihn jemand anspricht. Wenn die Leute glauben, ihn anschreien zu müssen, statt langsamer zu reden, wenn er nicht gleich versteht. Als hätte er Tomaten auf den Ohren. Was soll er denn sagen? Er kann ja nicht mal schreiben, nicht lesen. Mit seinen acht Geschwistern hat er Schafe durch die Wüste getrieben, hat nie eine Schule von innen gesehen. Was erwarten die Leute von ihm, mit seinem bisschen Straßenenglisch, das er zwischen Lampedusa und Berlin aufgeschnappt hat. Youssouf lächelt dann immer verlegen, schüttelt seine schwarzen Locken und geht weg. Was soll er auch tun? Wie soll er sich wehren? Sein Leben lang schon wird er herumgeschubst wie ein Stück Holz in der Brandung. Er kennt es nicht anders. Sein Weg ist keine gerade Linie, mehr das Gekritzel eines Kleinkinds, das die Buntstifte einfach nicht weglegen will. Inshalla, sagt Youssouf immer wieder. So Gott will. Verantwortung für sein Leben tragen andere – die Schlepper, die Behörden, ein bisschen jetzt auch ich.

MONTAG, 20. JULI
Mein Telefon klingelt. „Fazila Schlafplatz“ lese ich auf dem Display. „Bartholomäus, hast du heute noch Kapazität?“, ruft Fazila mit ihrer Piepsstimme aus meinem Handy, als ich noch in der Redaktion sitze und einen Sommer-in-Berlin-Text in den Computer hacke. „Tut mir leid“, sage ich, „unsere Wohnung ist eigentlich voll. Ahmad schläft bei mir, Toni sowieso.“ – „Es ist dringend“, sagt Fazila, „bitte, kannst du nichts machen?“

Eine Stunde später stehe ich auf dem Oranienplatz, da kommt Fazila schon aufgeregt auf mich zugelaufen. Unter dem Arm ein abgegriffener Ordner voller zerknitterter Excel-Tabellen mit Namen, Handynummern, Adressen. Eine Gruppe Roma-Mädchen in kurzen Kleidchen macht eine Polonaise über den Platz, zwei dicke Frauen in viel zu engen roten Tops sitzen auf einer der Bänke und schlecken ihr Softeis. Auf den Bänken daneben Schwarze, Araber, manche spielen Karten, manche brüllen sich an.

Etwas abseits sitzt ein schmächtiger Junge, Füße an den Körper gezogen, zusammengefaltet wie ein Blatt Papier. Die Röhrenjeans schlabbert an den dünnen Beinen, die dunklen Augen starren ins Leere. Gleich wird Fazila mich zu ihm führen und mir Youssouf vorstellen. „Er ist heute das erste Mal hier – kannst du ihm helfen?“ Youssoufs Gesicht ist ausdruckslos. Keine aufflackernde Hoffnung, keine Freude. Wie auch? Dass er gerade aus dem Heim geschmissen wurde, dass er die letzten zwei Tage draußen auf dem Alexanderplatz geschlafen hat, werde ich erst später erfahren.

Zum Oranienplatz ist er nur durch Zufall gekommen. Zu Fazila. Zur Schlafplatz-Orga, einer kleinen Aktivistengruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, obdachlose Flüchtlinge von der Straße zu sammeln, Schlafplätze für sie zu finden. Im Kampf gegen die Obdachlosigkeit, nur bewaffnet mit dem alten Ordner, ein paar Telefonen und etwas Kleingeld für Bustickets – das ist aber eigentlich immer alle. Sie machen das nicht aus Spaß, sondern weil sich sonst niemand drum kümmert.

Die Schlafplatz-Aktivisten

MITTWOCH, 23. JULI
Entsprechend geschafft sehen die Freiwilligen aus, als ich am Mittwochabend auf dem Oranienplatz vorbeischneie. Es ist Plenum – wenn man die vier ausgelaugten Menschen, die da auf Boden und Bänken im Kreis hocken, so nennen mag. Svetlana sitzt da, aus Serbien ursprünglich, dicke Brille, lange schwarze Haare, die langsam grau werden. Johann, der mit seiner Schiebermütze, der kurzen, zerrissenen Jeans und dem fransigen Bart aussieht, als sei er Erich Kästners „Emil und die Detektive“ entschlüpft. Nelly, 19 Jahre alt, mit schulterlangen blonden Haaren, die gerade Abitur gemacht hat. Und Fazila, die eigentlich Dozentin an der University of Lancashire in England ist und über Migration forscht. Die ihre Ferien damit verbringt, Kollateralschäden der deutschen Bürokratie zu reparieren.

Zwei Arten von Flüchtlingen gibt es, die hier täglich aufkreuzen: die Legalen, denen man auf dem Amt einen Hostel-Gutschein in die Hand gedrückt hat. Die aber von Haus zu Haus weitergeschickt werden, da die Unterkünfte entweder überbelegt sind oder die Besitzer prinzipiell keine Flüchtlinge mehr reinlassen, weil das Lageso mit seinen Zahlungen um Monate hinterherhinkt.

Und es gibt die Flüchtlinge, die es für die Berliner Behörden eigentlich gar nicht gibt. Die Illegalen. Die Illegalisierten. Es sind Flüchtlinge, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die nach der Dublin-Vereinbarung in ihre EU-Einreisestaaten abgeschoben werden sollen, deren Aufenthaltsrecht erloschen ist. Oder solche, die noch gar keinen Asylantrag gestellt haben. Und andere, die sich wegen der immer noch geltenden dreimonatigen Residenzpflicht gar nicht in Berlin aufhalten dürften, weil andere Bundesländer zuständig sind. Es sind Menschen, die auf dem Papier nicht in der Stadt existieren – die aber doch gerade jetzt und hier auf dem Oranienplatz stehen. Aus Fleisch und Blut. Zum Anfassen. Und ohne Schlafplatz.

Ist es legal, illegale Menschen aufzunehmen? „Ich glaube, die Behörden sind froh, wenn wir ihren Job übernehmen“, sagt Nelly. „Abschiebungen sind für keinen schön. Weder für die Polizisten, die Beamten in der Behörde, noch für Politiker. Trotzdem bin ich gespalten: Ich will diesen Menschen helfen, ja. Aber eigentlich ist es nicht meine Aufgabe, Nothilfe zu leisten, wo die Politik versagt.“

„Hat jemand noch Geld? Wir brauchen noch acht Bahntickets“, platzt Svetlana dazwischen. Zögerlich zieht Nelly zwei Zehner aus der Tasche. Sie hat jetzt 60 Euro gut, ob sie die je wiedersehen wird, weiß sie selbst nicht. „Passt schon“, sagt sie, „ich habe am Wochenende Geld von meiner Familie bekommen.“ Seit letztem Sommer sitzen sie und die anderen hier. Fünf Tage die Woche, seit Ende August letzten Jahres viele Oranienplatz-Besetzer wieder auf die Straße verfrachtet wurden und kurzfristig Unterkünfte gefunden werden mussten. Integrationssenatorin Dilek Kolat hatte Anfang 2014 die Flüchtlinge dazu überredet, ihr Camp aufzulösen, indem sie ihnen eine „umfassende Prüfung der Einzelfallverfahren im Rahmen aller rechtlichen Möglichkeiten“ versprach. Währenddessen wurden die Antragsteller in Heimen untergebracht. Aber nur bis Ende August. Johann nennt es „das heuchlerische O-Platz-Agreement“.

Mehr Unterstützer sind es seitdem nicht geworden. Im Gegenteil. Es sind nicht viele, die durchhalten. Schön ist die Arbeit nicht. Telefonieren, an Türen klopfen, um Schlafplätze betteln für Menschen, die man selbst nicht kennt. Und doch immer wieder Flüchtlinge, die trotzdem auf der Straße bleiben. Immer die gleichen Absagen, Aufmunterungen, mitleidigen Blicke: Ist ja echt schön, was ihr macht, aber ich könnte das nicht. Ich habe Besuch. Ich hätte da ein bisschen Angst. Ich habe mich doch auch selbst hochgearbeitet. Es ist zermürbend. Nein, diese Arbeit ist wenig romantisch. Wenig von dem, was sich meine Kommilitonen ausmalen, wenn sie sich ihren künftigen Traumjob in einer NGO vorstellen. Inzwischen weiß ich das auch.

SAMSTAG, 11. JULI
Angefangen hat alles auf dieser Willkommensparty für Flüchtlinge, auf die mich Toni mitschleifte. Eigentlich wollten wir nur kurz bleiben, aber dann haben wir uns doch verquatscht, vertanzt, verstaunt. Fazila traf ich da zum ersten Mal, und Ahmad. Bis spät tanzten wir, Toni und ich und die anderen. Plötzlich war es zwei Uhr, ich wollte gehen. Ahmad und sein Kumpel auch. Wir hatten vorher ein wenig geschnackt, auf Arabisch – nicht sehr fließend – und auf Englisch. Ich studiere Arabisch, im zweiten Semester. Werde aber immer nervös, wenn sich ein vollbärtiges Mannsbild vor mir aufbaut und mich in seiner Sprache anschreit. Arabisch kann einschüchternd klingen. Nicht so bei Ahmad, diesem kleinen, drahtigen Mann mit den tief sitzenden dunklen Augen, Ziegenbärtchen, mühsam einstudierter amerikanischer Akzent. Ein bisschen, finde ich, sieht er aus wie eine Metal-Version von Timon, dem spargeldürren Erdmännchen aus „König der Löwen“. Sympathisch, überhaupt nicht furchteinflößend. Statt elegant Brust und Hüften zu schwingen wie die anderen Araber auf der Party, oder ungelenk mit Armen und Beinen zu schlackern wie die nachahmenden Deutschen, wirft er lieber seinen Kopf vor und zurück. Headbanging nennen das Metal-Fans.

Wo er denn schlafen wolle, fragten wir. Am Bahnhof. Er lebte damals noch in Eisenhüttenstadt. In der Erstaufnahmeeinrichtung. Hatte syrische Freunde auf der Party getroffen. Toni und ich schauten uns an. „Kommt mit zu uns“, sagten wir gleichzeitig.

Seitdem kommt Ahmad immer wieder. Er wohnt inzwischen in einem Heim in Brandenburg, aber jede Woche besucht er uns ein paar Tage. Ausbrechen aus dem Heim-Alltag: schlafen, warten, essen – und wieder von vorne. Er ist ein guter Kumpel. Seine syrischen Freunde im Heim, warnt Ahmad uns oft augenzwinkernd, „werden mich töten, wenn ich sie schon wieder im Stich lasse. Ach, fuck off!“ Auch das sagt Ahmad oft, fast inflationär. Um authentisch zu klingen. Muss er ja, schließlich ist er Metal-Fan. Er scrollt durch seine Handy-Playlist: Metallica, Guns ’n’ Roses, Sex Pistols.

„Angefangen hat alles mit 16“, erinnert er sich. „Damals habe ich mit meinen Kumpels Green Day gehört, Papa Roach, My Chemical Romance.“ – „Krass!“, rufe ich ungläubig, „bei mir nicht anders!“ Diese Punkrock-Phase, die jeder pubertierende Jugendliche mal durchgemacht hat, oder? Aber doch nicht in Syrien!

Ahmad lacht: „Du glaubst nicht, was wir noch alles haben: Mein Bruder hatte den ersten Computer im Viertel. Wir haben gezockt bis zum Umfallen.“ „Fifa 98“ hat er da mit seinen Freunden gespielt, „Mortal Combat“, „Need for Speed 3“. Alles wie bei uns! Und jetzt alles weg.

Ahmad, mein Kumpel aus Brandenburg

DIENSTAG, 28. JULI
Toni liegt halb ausgekleidet auf der großen Matratze. Schläft. Sie sieht nicht gut aus, den ganzen Tag schon war ihr schlecht. Ahmad nimmt den Schlafsack, deckt sie zu. Holt einen Eimer, den er neben ihr Kopfkissen stellt, ein Glas Wasser. Auf der anderen Matratze liegt Youssouf, die Decke hochgezogen über beide Ohren. Als wolle er sich vor der Realität verstecken. Er wird so schlafen bis morgen Mittag. Ahmad und ich sind noch hellwach. Er hatte lange gepennt, ich zu viel Kaffee getrunken. Also in Shorts raus, zum Späti unten an der Ecke. Ich wollte eh noch zwei Freunde treffen, die gerade aus Wien zu Besuch sind. Der eine spielt Bass, hört Metal. Das imponiert Ahmad natürlich. Er schreibt selbst Lieder und spielt Bass.

„Wer ist dein Lieblingsbassist?“, fragt Ahmad.
„Flea, von den Red Hot Chili Peppers“, sagt mein Kumpel wie aus der Pistole geschossen.
„Dieser Typ ist eine Religion! Wo du hinschaust: Flea. Aber noch mehr stehe ich auf Sid Vicious – von den Sex Pistols …“
„… der Idiot, der sich mit 21 zu Tode gespritzt hat, eine Legende!“
„Ja. Irgendwann bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich gemerkt habe: Alle meine Idole sind tot. Jung gestorben. Ich dachte, ich bin auch bald dran. Jetzt bin ich fast 25 und lebe immer noch.“

Vielleicht liegt das daran, dass Ahmad Realist ist. Dass er genau weiß, womit er rechnen kann, womit er rechnen muss. Dass er zufrieden ist mit dem, was er hat. Nicht mehr will, immer mehr. Eine syrische Revolution, ein arabischer Frühling – Ahmad hat nie daran geglaubt. Als seine Freunde aus Überzeugung auf die Straße gingen, oder sich für Geld davon überzeugen ließen, ist er absichtlich zum zweiten Mal in der Berufsschule durchgefallen. Um nicht zum Militär eingezogen zu werden. Es gibt nichts, was er scheußlicher findet als Uniformen. Egal welche. Die des Militärs, die der Freien Syrischen Armee. „Ein Haufen von Halunken und Dieben – welcher Vogel ist auf die bescheuerte Idee gekommen, die mit Waffen auszurüsten?“

An westliche Demokratie hat er nie geglaubt. Den Traum der Freiheit nie geträumt. „Wir hatten alles, ein gutes Leben. Wir hatten einen Diktator und Korruption, aber es ging uns gut.“

Als die ersten Schüsse fielen, hat er sich in seinem Zimmer verschanzt mit seinem Laptop. Hat japanische Zeichentrickfilme geschaut und sich selbst 3-D-Design beigebracht. Als die ersten Bomben in Damaskus einschlugen, die ersten Freunde von Demos nie wieder zurückkamen, der Tod allgegenwärtig wurde, da hat er das in Songtexten verarbeitet.

Mama, I’m gonna join the army
And I’ll be an army man
Not for this damn country
But no one can understand
Mama, don’t watch anymore news
Mama, they don’t say the truth
I gonna die and they don’t know me
Maybe I worth nothing, but they don’t own me
Mama we are fighting for their fun
Playing with the revolver gun
Bullet in me
Bullet in you
Always lies
Nothing true

Ich muss schlucken. Kloß im Hals. Drehe mir noch eine Zigarette. „Ich will dich heute heulen sehen!“, sagt Ahmad, zieht die Augenbrauen zusammen, richtet seinen Zeigefinger auf mich, grinst. So wie Uncle Sam auf den „I want you in the US-Army“-Plakaten. Aber doch irgendwie noch Timon, das Erdmännchen.

Gerade als ich den Kronkorken meines Biers mit dem Feuerzeug wegschieße, stolpert ein besoffener Typ über die Späti-Bierbank, zwei Kumpels im Schlepptau. Wo wir herkommen, lallt er, ob wir noch mit in den Club kommen. Zeigt auf Ahmad, der, wie ihm aufgefallen ist, Englisch spricht:

„Was machst du hier in Deutschland?“
„Ich warte auf meinen Deutschkurs.“
Ein verstehendes Aaah entfährt unserem Gegenüber: „Ein Austauschprogramm?“
Ahmad überlegt kurz: „Nein, mehr so ein Fluchtprogramm.“
Wieder Aaah. „Woher denn?“
„Syrien.“
„Voll geil, ich habe auch einen Kumpel, der aus dem Iran geflohen ist, dem ich immer helfe.“

Ahmad guckt verdutzt, wirkt ein wenig unschlüssig. Weiß nicht, was er mit dieser Info soll. „Ja“, sagt er dann, „das sind unsere Nachbarn, aber eher die am Ende der Straße. Die ein bisschen merkwürdig sind und eine andere Sprache sprechen.“ Ich liebe es, wenn er so ironisch wird.

Der junge Betrunkene guckt verwirrt, scheint es nicht ganz gepeilt zu haben, sein Gesicht ein einziges Fragezeichen. Ich muss laut lachen, schüttele den Kopf. Eins werde ich einfach nicht verstehen: dieses ständige Bedürfnis der Deutschen, nüchtern wie besoffen, sich rechtfertigen zu müssen. Rechtfertigen, wo es gar keine Vorwürfe gibt. Die soziale Fahne hochhalten. Sich damit schmücken und Lebensläufe verzieren. Und immer wenn sie mit einem Fremden, einem Flüchtling unterwegs sind, diesen auch so zu etikettieren. Ich habe mich anfangs selbst einmal dabei erwischt, wie ich gesagt habe: „Das ist Ahmad, er ist Flüchtling und wohnt bei mir.“ Das war mir im Nachhinein unglaublich peinlich. „Das ist Ahmad, mein Kumpel aus Brandenburg“, sage ich heute.

Ahmad gefällt das viel besser. Er kriegt ja schon die Krätze, wenn er Hipster in „Refugees Welcome“-Shirts rumlaufen sieht. „Ja, das ist gut gemeint. Aber ich hasse die Stigmatisierung, dieses Wort. Refugee. Die Leute sind zufrieden, solange ich die Rolle ausfülle, die sie mir zuschreiben: arm, schwach, hilfsbedürftig, dumm. Flüchtling eben.“

Niemanden hier interessiert, dass Ahmad studiert hat, dass er 150 Menschen durch makedonische Wälder gelotst hat. Dass er ständig am Telefon hängt, um zu übersetzen, weil seine syrischen Freunde kein Englisch verstehen. Dass er in dem riesigen Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt zwei Tage nach seiner Ankunft angefangen hat, an der Rezeption zu arbeiten. Wenn er andere Ansprüche hat als Schlafen-Warten-Essen in einem Vierbettzimmer, wird das mit einem „immer noch besser als in Syrien“ abgeschmettert. Besser als eine Kugel in der Brust, ja. Aber noch lange nicht gut. Nicht für deutsche Verhältnisse. Und Ahmad lebt jetzt in Deutschland.

Unser besoffenes Gegenüber will sich noch nicht geschlagen geben, will mit seinem Wissen trumpfen: „Sunnit, Schiit, Alawit oder Christ?“
„Sunnit.“
„Aah, ISIS?“, zwinkert er Ahmad zu und legt ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. Ich will schon den Mund aufmachen, aber Ahmad ist schneller. Nimmt den Arm sachte beiseite, schaut dem Typen tief in die Augen und sagt, ohne mit der Wimper zu zucken: „Deutscher?“ Er macht eine theatralische Pause. „Nazi?“
Youssouf hätte sich nie getraut, so etwas zu sagen. Wie immer hätte er die schwarzen Locken geschüttelt, wäre einfach gegangen. Er hätte gekuscht. Einmal waren Toni und ich abends auf dem Heimweg vom Görlitzer Park. Zwei Backpacker aus der Schweiz hatten wir getroffen, die noch auf ein Bierchen mit zu uns kommen wollten. Youssouf wartete schon weit vor der Wohnung auf uns, wollte uns Hallo sagen. Er wohnte da schon über eine Woche in der Wohnung. Hatte die orangefarbene Spange im Haar, die Toni ihm immer in die Locken steckt, weil er damit so charmant aussieht. Er kam zu uns gelaufen. Fast reflexartig reagierte der eine Schweizer: Daumen nach unten, „No, thank you, we don’t need anything. Go!“ Nicht verwerflich, schon gar nicht böse gemeint. Er wollte doch nur nicht, dass uns noch ein aufdringlicher Dealer belästigt. Youssouf ließ den Kopf hängen, wollte schon wieder gehen, bevor wir das Missverständnis aufklären konnten.

MONTAG, 3. AUGUST
Youssouf kocht, als ich heimkomme. Die Wohnung ist blitzblank, es liegen nicht einmal mehr Tabakkrümel auf dem Tischtuch. Youssouf hat geputzt, all die Teller und Tassen abgewaschen, die sich seit Wochen vor mir in der kaputten Spülmaschine versteckt hatten. „Ich gehe nie wieder zurück“, verkündet er, als wir mit dem Essen fertig sind. „Nicht nach Italien. Ich habe sieben Monate da gelebt – keinen Cent habe ich gesehen. Nur schlafen und essen. Das ist kein Leben.“ Keines, das sich leben lässt. Aber was hatte er sich denn erwartet? „Nichts – aber wenn du aus dem Busch kommst, dein Leben lang durch die Wüste ziehst mit einer Kuh und einer Herde Schafe, kein Licht, kaum Essen, dann in die richtige Welt kommst und die Leute siehst, die alles haben, Strom, Internet, Universitäten, Arbeit – sag mir, wie kann ich zurückgehen? Eher werde ich sterben.“
Als Youssouf das sagt, sieht er verzweifelt aus. Verflogen das Grinsen, mit dem er mir vorhin die Tür aufgemacht hat. Mir gegenüber der hilflose Flüchtling aus dem Rollenklischee, das Ahmad nicht mag. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Darum versuche ich, ihn naiv zu beruhigen. Alles wird gut, keine Sorge! Ich merke selbst, wie doof sich das anhört. Wir wissen beide, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde. Dass die Klage vor Gericht nichts gebracht hat. Dass der Ausreisebescheid nur noch eine Frage der Zeit ist, weil die Duldung ausläuft. Dass er wieder nach Italien zurückmuss, weil er seinen Fingerabdruck da hat registrieren lassen. Weil dann die Dublin-Regelung greift. Dass gar nichts gut wird.
Einmal habe ich Ahmad gefragt, was er von Youssouf hält. Ich putzte mir gerade die Zähne, Ahmad saß im Sessel und schmierte sich mit seiner Fettcreme ein gegen Neurodermitis. Die beiden sprechen nicht viel miteinander. Wenn doch, verstehe ich nur Schlagworte wie „Dublin“ oder „Ausweis“, weil sie auf Arabisch reden. „Youssouf hat Angst, ständig“, sagt Ahmad. „Du wirst seine Sorgen nicht verstehen. Du hast ein Zuhause, musstest nie weglaufen. Niemand will dich loswerden.“
Stumm sitze ich da und nicke. Schaue auf den Jungen, der da auf der Matratze schläft. Sein Rucksack steht daneben, in dem peinlich genau zusammengelegt alles steckt, was er hat. Seine wenigen Klamotten, das „Fachbuch Kraftfahrzeugtechnik“, in dem er sich oft verliert. Der kleine, bunte Pinguin Chilly, den ihm ein Freund im Heim geschenkt hat. Den Schlafsack hat er wieder so hochgezogen, dass die Augen gerade noch rauslugen. Ein unschuldiges Kindergesicht. Unruhig, aber doch friedlich. Keine Spur von all dem Hass, den er ertragen musste. Die Arbeitsstunden auf libyschen Ölfeldern, die nie entlohnt wurden, weil der gutgläubige Junge keine Verträge lesen kann. Die 16-Stunden-Schichten im Fast-Food-Restaurant in der tschadischen Hauptstadt Ndjamena, für die er 50 Euro im Monat bekam. Die sieben Monate im libyschen Knast, voller Gestank, verdorbenem Essen und Peinigung durch die Wärter. Niemals hätte ich dieses zerbrechliche Kind auf 24 geschätzt. In Youssoufs Pass steht ja auch „Jahrgang 1994“ – ein Übersetzungsfehler bei der Einreise in Italien. Nie korrigiert in Deutschland. Weil ihm keiner zuhört. Keiner seine Sprache spricht. Unzählige Formulare hat er mit Zickzacklinie unterschrieben, er hat es nie anders gelernt. Er versteht diese Papiere auch nicht. Kein einziges, das fragt: Warum bist du hier? Oder: Wer bist du eigentlich? Immer nur: Woher? Für einen Analphabeten wie Youssouf ist die deutsche Bürokratie ein größeres Hindernis als das Mittelmeer.
„Wieso darf Ahmad bleiben und ich nicht?“, hat er mich einmal gefragt. „Weil ihm genommen wurde, was ich nie hatte?“ Das mit der CSU, das mit den Wirtschaftsflüchtlingen wollte ich ihm ersparen. Ich war wieder einmal ratlos.

Willkommen in der Realität

DONNERSTAG, 6. AUGUST
Ich bin übermütig, als ich die Tür aufsperre. Morgen habe ich frei. Meine zwei Mitbewohner stehen im Hausflur, haben mich schon erwartet. Los, machen wir Omelette, danach in den Park?
„Wir haben ein Problem“, sagt Ahmad ernst, mit Blick auf Youssouf.
„Ich weiß, du willst es nicht hören“, sagt Youssouf, schaut auf den Boden, verschämt wie ein Schuljunge. „Ich werde zurück nach Italien gehen.“ Er hält mir eine Mappe hin: „Stahnsdorf heißt sie willkommen“, steht drauf. Eine deutsche Familie, Mutter, Vater, Kind, grüne Wiesen, ein Idyll, mit dem Stahnsdorf Zuzügler anwerben will. Ich klappe sie auf, darin liegt ein Schreiben: „Youssouf D. ist verpflichtet, die Bundesrepublik Deutschland bis 08.08.2015 zu verlassen.“

Es ist, als hätte ich bis eben friedlich geträumt und würde jetzt mit einem Eimer eiskaltem Wasser über den Kopf geweckt. Es ist der Moment, in dem ich merke, dass jeder neue Mitbewohner auch neue Verantwortung bedeutet. Willkommen in der Realität.

Es ist spät, wir können nichts mehr tun. Wir bitten Youssouf nur um einen Tag. Fahr nicht morgen schon, übermorgen reicht auch noch. Youssouf will nach Stahnsdorf, seinen Pass holen, seinen restlichen Krempel. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen am Oranienplatz, 11 Uhr. Zur Flüchtlingsberatungsstelle wollen wir gehen, Ahmad wird übersetzen.

FREITAG, 7. AUGUST
„Hast du die Papiere?“, schreie ich Youssouf am Telefon an. „Nein? Wo zur Hölle bist du? Verstehst du eigentlich, um was es geht?“ – „Gib mir mal“, sag Ahmad ruhig. Seit zwei Stunden sitzen wir auf dem O-Platz und warten, essen Pizza. Youssouf ist nicht da. Die Beratungsstelle macht gleich zu.
Als er um fünf nach eins dann doch aufkreuzt, ist es zu spät. „Morgen um 9.30 Uhr, Sie sind dann die Ersten“, verspricht man uns noch. Youssouf trägt neue weiße Billig-Sportschuhe. Er lacht, als er über den Platz läuft. Winkt mir zu mit einem zerknitterten Stück Papier. Das Busticket nach Italien. Gestern Abend wurde er noch in der Bahn kontrolliert, erzählt er, er hatte keinen Fahrschein. Adresse oder Polizei, hat der Kontrolleur gedroht. 60 Euro Strafe, Youssouf kann das nie und nimmer zahlen. Deshalb der spontane Beschluss: losfahren, lieber jetzt als morgen.
„Was soll die Scheiße?“, fluche ich, ich verstehe ihn nicht. „Kapierst du es nicht? Du willst doch gar nicht bleiben!“ Ich bin wütend. Darüber, dass dieser Junge vor Dokumenten, die er nicht versteht, vor Uniformen, die ihm Angst machen, einfach so kapituliert. Anstatt auf Leute zu hören, die ihm helfen wollen, auch wenn sie es vielleicht nicht immer können. Eigentlich bin ich nicht wütend auf Youssouf, ich bin wütend auf das Kleinkind, das Youssoufs krakeligen Lebensweg malt. Leg endlich die Stifte weg!
Ich muss daran denken, was Ahmad mir einmal gesagt hat: „Als wir in der Türkei im Hänger der Schlepper standen, wurde mir klar: Wir sind aggressiv und orientierungslos, wenn uns keiner führt. Wir wollen uns dann am liebsten gegenseitig auffressen. Kaum lässt uns einer aus dem Käfig, werden wir plötzlich ganz zahm, folgen ihm, ohne zu klagen“.
Noch am Abend bekomme ich eine E-Mail vom Flüchtlingsrat. Ich hatte wissen wollen, was ich noch tun kann.
Türöffner. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach – und das Ankommen in Deutschland noch viel schwerer.Bild vergrößernTüröffner. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach – und das Ankommen in Deutschland noch viel schwerer. – Foto: Sebastian Dudey
„Tatsächlich muss man sich entscheiden, offizielle Ausreise mit Papieren, dann Verlängerung in Italien, dann wiederkommen als Tourist, aber nicht mehr im Asylverfahren sein / kein Geld / keine Unterkunft. Oder bleiben, klagen, zum Arzt gehen, Atteste über Reiseunfähigkeit und psychische Belastung und oder gleichzeitige Arbeitsintegration (es gibt Programme in Berlin), aber so den Aufenthalt in Italien verlieren und vielleicht in Deutschland nichts bekommen. Er muss entscheiden.“
Youssouf hat entschieden. Für ihn gab es kein Entweder-oder. Eher ein Entweder-hier-nicht- oder-da-nicht. Das deutsche Bürokratiemonster hat es ein weiteres Mal geschafft, den schwarzen Peter zurückzuschieben. Youssouf meint: „In ein, vielleicht zwei Monaten bin ich wieder da. Ich werde es schaffen. Es ist mir egal, wie. Von mir aus putze ich Klos, so viele es gibt. Zur Not für zwei Euro die Stunde. Ich will endlich Verantwortung übernehmen für mich selbst.“
Ich bringe Youssouf noch zur Bushaltestelle, drücke ihm die Telefonnummer eines Freundes aus Italien, Trento, in die Hand. Ruf ihn an! Ich halte Youssouf in den Armen. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wiedersehen.
Eine Frau, die mit uns an der Bushaltestelle wartet, fragt: „Wo soll denn die Reise hinjehn? Italien, Milano? Dit is ’ne schöne Stadt. Dass du mir da mal nicht zu teuer shoppen jehst!“ Youssouf schaut mich an, lächelt, schüttelt seine schwarzen Locken, wie immer. Und steigt in den Bus.
Ich schaue ihm hinterher. Gerade als ich mir überlege, ob ich nun traurig sein oder mich freuen soll, dass ich endlich mal wieder sturmfrei habe, klingelt das Telefon. „Svetlana Schlafplatz“. Ich gehe ran. „Hallo Bartholomäus! Hast du morgen noch ein Bett frei?

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