Wie 200 Ehrenamtliche den Flüchtlingen in Wilmersdorf helfen

25.9.15 faz
Wie 200 Ehrenamtliche den Flüchtlingen in Wilmersdorf helfen

Über 800 Asylsuchende sind derzeit in der Notunterkunft im früheren Rathaus Wilmersdorf untergebracht. 12 Angestellte und 200 Freiwillige sorgen für einen nahezu reibungslosen Ablauf. Auch Flüchtlinge helfen aus, als Dolmetscher oder Arzt.

Vor rund fünf Wochen wurde das frühere Rathaus in Wilmersdorf als Notunterkunft für Flüchtlinge bezogen. Am Anfang musste noch viel improvisiert werden. Inzwischen ist die Versorgung der gegenwärtig 839 Bewohner, die in Zwei- und Drei-Bett-Zimmern untergebracht sind, gut organisiert.

Das ist vor allem den vielen Ehrenamtlichen zu verdanken. Etwa 200 Freiwillige kümmern sich täglich um die Geflüchteten. Sie arbeiten im Schichtdienst, in der Spendenannahme, der Kleiderkammer, in der Kantine. Sie geben Deutschkurse oder versorgen die Flüchtlinge medizinisch.

Betreiber der Unterkunft ist der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) mit zwölf Angestellten. „Wir schaffen die Strukturen für die Arbeit der Ehrenamtlichen“, sagt Heimleiter Thomas de Vachroi. Der ASB hat ihn für sechs Monate als Krisenmanager vom Diakoniewerk Simeon ausgeliehen.

De Vachroi hat Räume für eine kleine Moschee zur Verfügung gestellt. Es gibt ein Nähzimmer für die Bewohnerinnen, Spielzimmer. Eine Lageso-Mitarbeiterin kommt zweimal die Woche, um Daten zu erfassen. Damit wird den Menschen der Weg in die überfüllte Erstaufnahme in der Turmstraße erspart. „Wir müssen den Neubürgern die Probleme aus dem Weg räumen“, sagt de Vachroi.

Hof: „Ich will helfen. Wo kann ich mich melden?“ Bevor die ältere Dame loslegen kann, muss sie sich am Hintereingang zum Innenhof an der Brienner Straße registrieren lassen. Ein schwarz gekleideter Sicherheitsmann trägt ihren Namen, die Nummer des Personalausweises und die Ankunftszeit ein. Der Hof hat an diesem sonnigen Tag etwas Mediterranes. Die Bewohner sitzen auf Bänken, flanieren über den Platz, junge Männer spielen Fußball. Kinder umringen eine Frau. Sie berührt ihre Nase und ruft „Nase“. Aus den Fenstern hängen Kleider zum Trocknen. Ein Mann mit Handtuch geht zu einem der 34 Duschcontainer. Vorm Eingang zur Kleiderkammer hat sich eine Schlange gebildet. Es dürfen immer nur zehn auf einmal rein. Fünf Frauen, fünf Männer.

Kleiderkammer: Schichtleiter Orlando Pola-Rivera schärft den anderen Helfern ein: „Die Leute sollen sich die Sachen in Ruhe ansehen können, bedrängt sie nicht. Verhaltet euch wie Verkäufer in einer Boutique.“ Es ist 15 Uhr, die Kleiderkammer für Männer öffnet. Die ersten werden eingelassen. Sie geben ihre Karteikarten ab, auf denen ihre Hausnummer notiert ist, die sie auch an einem Band um ihr Handgelenk tragen. Ein junger Iraker probiert eine schwarze Jacke an und will auf Englisch wissen: „Steht die mir?“ Er will sie haben. Und sagt zum Abschied: „Freut mich, Sie zu sehen.“ Sein erster deutscher Satz.
Kinderschuhe im Flur vor einem provisorisch hergerichteten Kinderspielzimmer im Rathaus Berlin-Wilmersdorf.

Rouven Brunnert trägt auf der Karteikarte unter der Rubrik Sonstiges „Jacke“ ein. So behält er den Überblick, wie viel Kleidung jeder einzelne Bewohner erhält. Die Jacke ist eines der wenigen modischen Teile. Viele der Hemden etwa, die an den Kleiderständern hängen, sind aus der Zeit gefallen. Immerhin sind sie sauber. „Es werden ungewaschene Unterhosen abgegeben, gebrauchte Zahnbürsten“, sagt Brunnert. Solche Sachen werden weggeschmissen. Die Helfer in der Vorsortierung tragen bei der Arbeit Handschuhe.

Ein Vater kommt mit seinen Söhnen in die Kammer. Der Ältere entdeckt ein Trikot der Fußballnationalmannschaft. „Danke“, sagt er auf Deutsch und strahlt. „Nehmt Socken mit. Es wird kalt“, ruft Pola-Rivera ihnen hinterher. Er ist Englischlehrer, in Puerto Rico geboren, in den USA aufgewachsen und mit einer Berlinerin verheiratet. „Ich fühle mit diesen Menschen“, sagt er. Pola-Rivera und Brunnert sind ständig hier. Brunnert, bis vor kurzer Zeit für das UN-Flüchtlingskommissariat tätig, sagt: „Ich wollte mal etwas Praktisches machen.“

Helfer: Daniel Büdeker kommt jeden Abend nach der Arbeit im Jugendamt in Prenzlauer Berg, um Kinder in der Notunterkunft zu betreuen. Er sagt, er kenne viele Heime. „Meist gibt die Leitung die Hausordnung vor. Um die Bewohner geht es kaum“, sagt er. „Aber hier ist alles super organisiert.“ Er wünscht sich, dass in den noch leerstehenden Flügeln des Gebäudes unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen werden. Viele von ihnen müssten in Hostels leben.

Auch Holger Michel sagt: „Hier gibt es Zimmer mit drei und nicht mit 300 Leuten. Das ist ein riesiger Unterschied zu Hallen.“ Michel arbeitet von 8 bis 16 Uhr in seiner PR-Agentur, um dann bis spätabends im Heim Babynahrung oder Windeln zu beschaffen. Eine Friseurin, die Hausausweise an Helfer ausgibt, verbringt ihren Jahresurlaub in der Unterkunft. „Danach kann ich ab 15 Uhr“, sagt sie. Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts kommen am Wochenende zum Putzen. Studenten engagieren sich, die älteste Helferin ist 81 Jahre alt. Auch 42 Ärzte, 17 Krankenschwestern, vier Psychologen und drei Hebammen arbeiten ehrenamtlich mit. Ebenso die Bewohner, als Dolmetscher oder Arzt.

Bewohner: Im Haus leben 34 Säuglinge, die auf der Flucht oder in Lagern zur Welt kamen. 192 Kinder sind es insgesamt. Viele Frauen sind schwanger. Doch Familien sind in der Minderheit. Die meisten Bewohner sind junge Männer, die allein geflohen sind. 70 Prozent von ihnen stammen aus Syrien, der Rest aus dem Irak, Afghanistan, Pakistan, dem Libanon, Eritrea, Albanien.

Abdel und Mahmoud sind aus dem syrischen Aleppo, beide sprechen gut Englisch. „Hoffentlich kann meine Familie bald nachkommen“, sagt der 16-jährige Abdel, der mit seinem Onkel gekommen ist. „Ich habe heute mit meinem Vater telefoniert. Er sagt, er sieht täglich Leute sterben.“ Auch der 19-jährige Mahmoud wartet auf seine Angehörigen. Sie leben seit zwei Jahren in einem Lager in Mersin in der Türkei. Die Türkei sei für ihn keine Alternative. „Es ist sehr schwierig, dort zu studieren.“

Kantine: Dilek fing als Ehrenamtliche vor fünf Wochen in der Küche an, nun hat sie einen festen Job. Sie wurde vom ASB und dem Lageso als Kantinenleiterin eingestellt. „Am Anfang sah es hier schlimm aus. Wir müssen immer noch Fettrückstände beseitigen“, sagt Dilek, die ihren Nachnamen nicht nennen will.

Aus hygienischen Gründen wird das Essen angeliefert. Dem Caterer wurde vor wenigen Tagen gekündigt. „Das Essen war nicht halal“, sagt Dilek. Also nach islamischem Recht nicht erlaubt. „Die haben Wurst- und Käsestullen übereinander gepappt.“ Viermal täglich ist die Kantine geöffnet. Das erste Mal um sieben Uhr, damit Bewohner, die einen Termin haben, noch frühstücken können. Die Kinder haben in der Unterkunft Cornflakes entdeckt. „Das lieben sie abgöttisch.“

Spenden: Viele Privatmenschen spenden, aber auch Firmen. Die Wasserbetriebe haben Wassersäulen installiert, die Sparkasse hat Bänke geschickt. Die benachbarte evangelische Hochmeister-Gemeinde hat Geld für 24 Waschmaschinen gesammelt. Spendenannahme ist außer montags von 9.30 bis 17 Uhr.