RBB: Berlin, Brandenburg und die Flüchtlinge: Wie schaffen wir das?

Sondersendung vom 28.9.15

Die Flüchtlinge werden Berlin und Brandenburg in den kommenden Jahren nachhaltig verändern. Doch wie gelingt ihre Integration? Darüber diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kirche in der rbb-Sondersendung „Wie schaffen wir das?“. Einig waren sie sich vor allem darin, dass frühere Fehler nicht wiederholt werden dürfen.

Immer mehr Menschen kommen als Flüchtlinge nach Berlin und Brandenburg, nach aktuellen Schätzungen könnten es bis Ende des Jahres bis zu 80.000 sein. Wie verändert das die Gesellschaft? Wie soll man mit den Flüchtlingen umgehen, die in der Region bleiben dürfen? Und wie kann letztlich ihre Integration gelingen?

Diese Fragen diskutierten am Montagabend die rbb-Moderatoren Sabine Dahl und Sascha Hingst in einer rbb-Sondersendung mit ihren Gästen: Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz, dem ehemaligen Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD), Leo Penta, Professor für Gemeinwesen der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, und der Pastorin Hildegard Rugenstein, Vorstandsmitglied des Vereins „Neues Potsdamer Toleranzedikt“.
Geregeltes Verfahren statt „Flüchtlingsanarchie“
In der Frage, ob Berlin und Brandenburg die Integration der Flüchtlinge bewältigen kann, waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. „Wir müssen das schaffen und wir werden es auch schaffen. Wir sind eine reiche und starke Gesellschaft, in der sich viele Menschen bereits engagieren“, sagte Diakonie-Direktorin Barbara Eschen. Für Professor Leo Penta ist das Gelingen der Integration alternativlos. Ähnlich sieht es der SPD-Politiker Erhart Körting, schränkte aber ein, dass dafür wieder ein geregeltes Verfahren notwendig sei.
Die aktuelle Situation bezeichnete Körting als „Flüchtlingsanarchie“, die die Integration der Menschen immer schwieriger mache. Vor allem die jungen, ausbildungsfähigen Flüchtlinge forderte er auf, sich einzubringen. „Es ist ein Anforderungsprozess. Wir dürfen die Menschen, die zu uns kommen und Schutz vor Verfolgung oder Bürgerkrieg finden, nicht aus der Verantwortung lassen. Sie müssen dafür auch etwas leisten“, sagte Körting.
Dabei sieht Penta die Bürgerplattformen in der Verantwortung. In Berlin gebe es rund 80 solcher ehrenamtlichen Vereine, deren Mitglieder meist selbst Erfahrungen mit Migranten hätten und die bei der Vermittlung zu Flüchtlingen helfen können. „Wir müssen jetzt viel experimentieren“, meinte Pastorin Rugenstein und sieht auch die Politik in der Pflicht. So könnten etwa Flüchtlinge speziell ausgebildet werden, um später die Integration künftiger Einwanderer zu bewerkstelligen.
Verkrustete Strukturen aufbrechen und alte Fehler nicht wiederholen
Um Flüchtlinge wirklich in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen zu ermöglichen, eine Arbeit aufzunehmen, müssten verkrustete Strukturen aufgebrochen werden – auch darin sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. „Es wird wichtig sein, dass wir möglichst bald jedem die Möglichkeit geben, seine Fähigkeiten einzubringen, seine Ausbildung zu machen und die Sprache zu lernen“, sagte Eschen.
Alte Fehler wie die unzureichende Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen, wie dies bespielsweise bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern geschehen ist, dürften nicht wiederholt werden. Falls Schulabschlüsse nicht für eine bestimmte Ausbildung ausreichten, müssten andere Möglichkeiten gefunden, zum Beispiel externe Prüfungen, damit Flüchtlinge eine Tätigkeit aufnehmen könnten. Körting sprach sich dafür aus, auch Zwischenqualifikationen zu akzeptieren: „Wenn die Flüchtlinge eine gewisse Qualifikation mitbringen, muss man sie auch nutzen können.“

Begegnungskultur und jede Menge Toleranz
Dass die Flüchtlinge die deutsche Gesellschaft verändern werden, scheint unstrittig. „Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland und damit die deutsche Gesellschaft wird sich enorm verändern. Wenn die überwiegend muslimischen Flüchtlinge ihre Familien nachholen, werden bald zehn Prozent der Menschen in Deutschland Muslime sein“, meinte Körting.
Sie zu integrieren und von den Wertvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft zu überzeugen, werde nicht ohne Probleme ablaufen und bedürfe großer Anstrengung. „Das bedeutet Toleranz und Respekt einüben, was anstrengend ist. Dabei müssen wir auch die Grenzen der Toleranz kennenlernen“, sagte Rugenstein. „Selbst wir Deutschen haben ja verschiedene Vorstellung von Ost und West oder von Frauenrollen in der Gesellschaft.“
Penta forderte eine Begegnungskultur, um Vertrauen und Respekt aufzubauen. Nur so könnten auch Ängste in der Bevölkerung abgebaut werden. Die hier geltenden Werte, wie zum Beispiel religiöse Toleranz oder Frauenrechte, müssten die Flüchtlinge allerdings akzeptieren, sagte Körting. „Sie kommen aus einer Diktatur und sind eine Demokratie wie in Deutschland nicht gewohnt. Aber ich glaube, dies wird die kleinste der Übungen sein, ihnen das Leben in der Bundesrepublik schmackhaft zu machen“, zeigte sich der Ex-Innensenator überzeugt.


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