50 Quadratmeter für neun Menschen

29.9.15 Berliner Zeitung
Die Zahl der Flüchtlinge stellt Berlin vor viele Herausforderung – zum Beispiel in Sachen Unterkunft. Wie findet man in Berlin zum Beispiel eine Wohnung für eine neunköpfige syrische Familie? Gar nicht. Es ist die Geschichte einer verhinderten Ankunft.

Die Wohnung von Akram Jouj und seiner Frau Khalya Hassan betritt man durch die Küche, die kein Fenster hat, dafür zwei Türen zu den beiden Schlafzimmern. Das ist ungewöhnlich, es ist überhaupt eine ungewöhnliche Wohnung. Weil sie in einer alten Schule liegt, was man dem Gebäude auch noch deutlich ansieht. Es ist das ehemalige Max-Reinhardt-Gymnasium in der Carola-Neher-Straße in Hellersdorf, das seit 2013 als Flüchtlingsunterkunft dient. Aber die Wohnung ist auch ungewöhnlich, weil sie so klein ist für die vielen Menschen, die in ihr leben.

Geboren im Zeltlager
Im linken Zimmer schlafen die Eltern – 49 und 41 Jahre alt –, Akram und Khalya, mit den zwei jüngsten Kindern Shovgar und Lilaw. Im rechten Zimmer stehen die fünf Betten der älteren Geschwister in einer Reihe an der Wand. Das sieht auf den ersten Blick putzig aus, wie bei den sieben Zwergen, zumal die Betten alle mit unterschiedlicher Bettwäsche bezogen und sehr ordentlich gemacht sind.
Doch was freundlich aussieht, ist tatsächlich eine Misere. Zu neunt wohnt die Familie auf weniger als 50 Quadratmetern. Noch sind die Tage nicht so kalt, noch können die Kinder zum Spielen auf den Hof. Aber bald kommt der Winter, und spätestens dann wird es sehr, sehr eng für die syrisch-kurdische Familie. Zu eng.
Eigentlich sollte die Familie auch nicht mehr hier sein. Sie sind anerkannte Flüchtlinge. Mithilfe des Jobcenters könnten sie in eine Wohnung ziehen – wenn sich denn eine für sie fände. Längst gibt es auf dem Berliner Wohnungsmarkt keine Reserven mehr, kinderreiche Familien haben es bei der Suche schwerer als je zuvor. Mit der steigenden Zahl von anerkannten Flüchtlingen, die langfristig in der Stadt bleiben, verschärft sich diese Lage.
Seit mehr als einem Jahr lebt die Familie in Berlin. Hinter ihnen liegt eine gefährliche Flucht. Ein Jahr waren sie unterwegs von Haseké im kurdischen Nordosten Syriens nach Deutschland. Acht Monate davon verbrachten sie in einem Zeltlager in Bulgarien. Lilaw, die jüngste Tochter, kam dort zur Welt. Mithilfe eines Übersetzers schildern die Eltern ihr Schicksal. Ihre Deutschkurse haben noch nicht begonnen.
Um eine Wohnung haben sie sich trotzdem bemüht. Sie haben Glück, sie bekommen Hilfe. Eine ehrenamtliche Unterstützerin, die sich mit dem Fall an die Berliner Zeitung wendete, sucht für sie nach passenden Angeboten, nimmt Kontakt mit Vermietern auf. Erfolg hatte sie bislang nicht. „Wir wollen Ruhe haben, wir wollen ankommen“, sagt Khalya Hassan. Doch noch gibt es den Ort nicht für sie, wo sie ankommen können. Und einen Ort, wo die älteren Töchter – Roschtah ist 12, Nasdar 10 und Halbast 8 Jahre alt – in Ruhe ihre Schulaufgaben machen könnten, gibt es auch nicht.

Finanzielle Herausforderung für Bezirke
Nicht nur in Marzahn-Hellersdorf, auch in allen anderen Bezirken ist die Wohnraumversorgung von Flüchtlingen längst eines der drängenden Probleme für die Sozialstadträte. Sibyll Klotz (Grüne) leitet das Ressort in Tempelhof-Schöneberg. Für ihren Bezirk wird die Wohnungsnot der Flüchtlinge zunehmend auch zur finanziellen Herausforderung. Denn Flüchtlinge, deren Asylantrag stattgegeben wird, gelten als Wohnungslose, bis sie eine eigene Unterkunft haben.
Zuständig sind die Bezirke – und oft behelfen sie sich, indem sie die Kosten für die Wohnheimplätze übernehmen, so wie im Fall der Familie von Akram Jouj und Khalya Hassan. Diese Form der Unterbringung ist deutlich teurer als eine Wohnung. Zudem werden die Plätze eigentlich für neu ankommende Flüchtlinge benötigt.
„Eine einfache Lösung gibt es nicht“, sagt Sibyll Klotz. Doch Maßnahmen, um das Problem zu lindern, gäbe es. „Flüchtlinge müssen am Tag ihrer Anerkennung einen Wohnberechtigungsschein bekommen“, sagt sie. Bislang erhalten sie die Bescheinigung, die Zugang zu günstigen Wohnungen bietet, erst nach langer Wartezeit. Zudem müssten die Sätze des Jobcenters, das anerkannten Flüchtlingen die Wohnung zahlt, angepasst werden. In der Innenstadt lägen die Mieten längst viel höher, als die Richtlinien vorsehen.
Dieses Problem beschäftigt auch Akram Jouj. 1290 Euro pro Monat stünden ihm für die Miete zur Verfügung. „Ein Haus wäre ideal, dann würden die Nachbarn nicht gestört“, überlegt er. Dass die Deutschen ihre Ruhe brauchen, hat er schon verstanden. Doch für 1 290 Euro ist selbst eine Etagenwohnung für eine neunköpfige Familie kaum zu finden. Mehrere Wohnungen durfte er sich gar nicht erst angucken, als klar wurde, dass das Jobcenter die Miete zahlt. Ein anderes Mal schien eine Lösung greifbar nah: eine Fünfzimmerwohnung im Märkischen Viertel. Doch die landeseigene Degewo lehnte die Bewerbung ab. „Die Wohnung ist für eine 9-köpfige Familie leider nicht geeignet“, heißt es in der Absage. Die Aufforderung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), in der Flüchtlingskrise nicht jede Vorschrift eng auszulegen, scheint noch nicht in alle Vermietungsbüros vorgedrungen zu sein.
Auf Anfrage versichern die Sprecher der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, es gäbe keine festen Belegungsgrenzen für ihre Wohnungen. Aber natürlich sei Rücksicht zu nehmen auf die Nachbarschaft.
Bislang kommt den landeseigenen Gesellschaften keine hervorgehobene Rolle bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu. Das einzige Abkommen besteht mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. Gerade mal 275 Wohnungen ihrer 300 000 Wohnungen stellen sie darin zur Verfügung. Allerdings würden auch neue Probleme geschaffen, wenn dieses Kontingent erhöht würde.

Mehr bauen! Aber wie?
Der Wohnungsmarkt sei ohnehin angespannt, betont David Eberhart, Sprecher des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. „Man kann nicht so schnell reagieren, wie die Anforderungen wachsen.“ In Zahlen: 10 000 neue Wohnungen werden 2015 gebaut, 19 000 Baugenehmigungen erteilt. Mehr als 40 000 Flüchtlinge kommen dieses Jahr in die Stadt, viele von ihnen werden bleiben und Angehörige nachholen. Was tun? Noch mehr bauen? Das ginge kaum, sagt Eberhart. Die Bauwirtschaft habe praktisch keine Kapazitäten mehr. „Auf Ausschreibungen kommen kaum noch Rückmeldungen.“ Dennoch hofft das Land darauf, im nächsten Jahr 15 000 zusätzliche Wohnungen in Leichtbauweise errichten zu können.
Den Baufirmen fehlt es an Fachkräften – solchen wie Akram Jouj. Der 49-Jährige ist Zimmermann, in Syrien hat er auf Baustellen gearbeitet. „Ich will arbeiten“, sagt er. Dem Mann sollte geholfen werden.

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