Notunterkunft in Seelow: Der Ort, wo niemand hingeht

Im Folgenden, möchten wir über die aktuelle Lage in der Geflüchtetennotunterkunft in Seelow (Brandenburg) berichten. Die Informationen wurden in der letzten Woche durch Gespräche mit den Bewohnern und der Leitung gesammelt. Die Namen einzelner Personen werden bewusst weggelassen, selbst wenn wir mit den betreffenden Akteur*innen nicht einer Meinung sind, so wollen wir ihren Personenschutz immernoch respektieren.

Der Bericht richtet sich in erster Linie an Aktivist*innen in Berlin und Umgebung und sollte ein Ansporn dafür sein, sich zu überlegen, wie Vernetzung auch außerhalb der Ballungszentren funktionieren soll. Im Fall von Seelow handelt es sich um eine Erstaufnahmestelle, in die fast 200 männliche Personen in eine Turnhalle gesteckt wurden. Zunächst sollte es eine kurzfristige Übergangslösung darstellen (so wurde ihnen z.B. gesagt, dass sie nach ein paar Tagen raus könnten), jetzt kann es für manche bedeuten, dass sie die nächsten 6 Monate dort verbringen müssen. Während in Berlin ein Überschuss an Kleider- und Sachspenden vorherrscht, fehlt es den Menschen in Seelow an grundlegendsten Sachen wie Socken und Schuhe. Genaueres findet ihr sowieso im Anhang, uns bleibt lediglich zu sagen:

Fahrt nach Seelow, zeigt, dass jemand für die Leute da ist und macht Druck auf den Träger!!!

Gesammelte Infos bei den Interviews aus der Notunterkunft:

- ca. 194 Personen, die Leitung spricht jedoch von 175 registrierten

- unter ihnen befinden sich laut Leitung je 3 afghanische und pakistanische Bewohner; die Bewohner sagen es seien insgesamt 30 Personen aus den jeweiligen Ländern

- dazu 4 Personen aus dem Kamerun, 1 aus Tschad und 2 aus Albanien, die überwiegende Mehrheit sind Syrer zwischen 18 und 35 Jahren

das größte Problem ist die allgemein fehlende Infrastruktur:

- schlechte Raumbelüftung (die Leute können nicht schlafen und verbringen die ganze Nacht in der Kälte weil sie nicht mehr atmen können)

- Müllproblem: laut Leitung käme die Müllabfuhr 1 x pro Woche und es sei das Problem der Bewohner; die Leute beschweren sich, die Müllabfuhr sei 1 x in 20 Tagen da gewesen (nach unserem ersten Besuch ein zweites Mal)

- Keine Privatsphäre; alle schlafen in der Turnhalle, auch keine Trennwände

- die Bäder sind zwar auf einem ‚neuen‘ Stand, jedoch fehlen Personal und Putzmittel für die Reinigung bzw. wird diese eigentlich von den Bewohnern selber übernommen

- Essen: die Leitung behauptet, die Männer bekämen alles, was sie brauchen, sie haben je 1 Feldbett, eine Decke und warmes Essen (1 Mahlzeit pro Tag); für weitere Lebensmittel und Hygieneartikel bekommen sie 7 € pro Tag; der Raum der Essensausgabe ist verhältnismäßig klein und es gibt keine Küche, in der man tatsächlich Essen individuell zubereiten kann!!!

- kein Internet, weder für die Bewohner, noch für das Personal

- keine/ kaum Sach- und Kleiderspenden (ein allgemeines Problem, da es sich um Männer und nicht um Familien/Frauen handelt)

- zunehmende Fremdenfeindlichkeit und rassistische Aktivitäten im Ort; diese fangen bei Beleidigungen der Leute an, bis hin zu einem Feuer vor der Unterkunft. Laut Leitung gab es dieses nicht, jedoch einen Brandanschlag auf das Auto einer Mitarbeiterin in einer anderen nahegelegenen Einrichtung

- nicht ausreichend qualifiziertes/ unzureichendes Personal: 1 Leiter, 3 Securities, 2 Übersetzer für je einige Stunden am Tag. Die Mitarbeiter sprechen jedoch nicht die benötigten Landessprachen, daher lassen sich die, von den Bewohnern beklagten, Fehlinformationen ableiten

- Informationen über den Aufenthalt: die Bewohner beschweren sich, es hieße anfangs sie kämen nur für ein paar Stunden, dann einige Tage und zuletzt für einige Wochen in Seelow unter. Nach der versuchten Demonstration gab es ein Infogespräch mit dem Landrat und den AnwohnerInnen (die Frage bleibt offen, ob tatsächlich Geflüchtete beteiligt und entsprechend repräsentiert waren) – welches positiv gewesen zu sein scheint. Am Tag der Besichtigung wurde jedoch von erneuten Beleidigungen der Menschen während der Geldausgabe in der Bank berichtet.

- Es fehlt an warmer Kleidung, Wintersachen, Socken, Unterwäsche, Schuhen, medizinischer Versorgung, Möglichkeiten der Selbstorganisation, Privatsphäre, Hygieneartikeln, Müllsäcke, Wasserkocher, Küchenartikel (da nicht erlaubt?), Putz- und Waschmitteln, keine Waschmaschinen und Wäscheleinen. Zudem benötigen wir Übersetzer*innen, oder Freiwillige, die sich die Zeit nehmen, den Jungs ein Wenig Deutsch beizubringen. Bei den vertretenen Sprachen handelt es sich um Albanisch, Arabisch, Farsi, Dari, Urdu und Französisch.

Angeblich bekämen sie bald 3 Waschmaschinen, dafür muss jedoch vorerst je ein passender Anschluss errichtet werden – wann???

- Keine Rechtsberatung und womöglich auch bewusstes Nicht-informieren

wir hatten Infoblätter in Englisch, Arabisch, Farsi mitgebracht mit allgemeinen Informationen über die Anmeldeverfahren, Rechtsstatus und Anlaufstellen in Berlin, diese wurden, anstatt auf meine Frage wo wir sie aufhängen können, im Büro unter den Tisch gekehrt, mit der Antwort, die Leute hätten damit sowieso nichts angefangen, weil sie nicht nach Berlin können und sonst würden die Infozettel sowieso verschwinden. Im Büro hätten sie jederzeit Zugang dazu. Dasselbe passiert mich Sachspenden, diese werden weggesperrt und später als Druckmittel verwendet.

- Das Büro ist Mo – Fr von 13 – 16 Uhr für die Leute offen. Die Stelle ist eine ‚Ganztagsbetreuung‘, wobei sich die Mitarbeiter bevorzugt darin einschließen.

Es gibt angeblich auch Helfer, je 1 Sozialarbeiter pro 80 Personen, diese waren jedoch zum Zeitpunkt des Besuches nicht da. Der einzige Helfer, der die Geflüchteten unterstützt hatte, ist nun weg. Keiner weiß, ob er suspendiert, oder versetzt wurde.

- die Halle dürfe ‚laut Verordnung‘ nur in Begleitschutz eines Securities von Nicht-Bewohner*innen betreten werden, zur Eskalationsvorbeugung

- Bei der Frage, ob eine Veranstaltung mit Einbezug autonomer Gruppen aus Berlin (da Mangel an Nachbarschaftsunterstützung besteht) organisierbar wäre, wurde diese abgesagt. Das Argument sei eine erhöhte Gefahr der Mitarbeiter*innen durch Naziangriffe – aber es gäbe kein Nazi-Problem in Seelow

?????

- 2 Frauen sind bei Gelegenheit auf Visite dort. Eine ist die Chefin und entscheidet darüber, welche Informationen die Jungen und Männer bekommen. Problematisch ist auch ihre Position, da sie über die Verteilung der Sachspenden entscheidet und bei ‚Fehlverhalten‘ einzelner Gruppen ‚Sanktionen‘ vornimmt, indem sie andere Gruppen bevorzugt behandelt und die Spenden entsprechend verteilt. Durch derartiges Verhalten, wird die ohnehin angespannte Situation verschärft, da sich die Geflüchteten, anstatt sich zu organisieren, nur zusätzlich spalten und gegenseitig anfeinden.

Bei der Frage, welche Sachspenden benötigt würden, sprach sie von Sachspenden für eine andere Unterkunft in Gusow 3 km entfernt. Dort sind mehrere Familien in Bungalows untergebracht (1 pro Familie) und die Kinder bräuchten Spielzeug. Dass den Männern alles Andere fehlt, war ihr wohl nicht wichtig genug – die allgemeine Einstellung war, sie können sich ja selber soweit helfen

- vereinzelt gab es auch Beschwerden, dass die Leute nicht wahrgenommen werden und selektiv zum Arzt gebracht werden, oder ins Gespräch kommen, ihre Bedürfnisse mitzuteilen.

- die Bewohner wissen nicht, wie lange sie bleiben müssen (laut Information der Leitung wahrscheinlich bis zu 6 Monate). Sie rechneten mit einer kurzfristigen Unterbringung, erst vor einigen Tagen wurden sie von 3 Monaten unterrichtet und dass sie ja den entsprechenden Vertrag unterschrieben hätten. Es gab Beschwerden über die nicht-ausreichende Information/ Übersetzung, die Leitung streitet dieses ab.

- Träger ist der Internationale Bund, vor bzw. neben der Notunterkunft befinden sich ein Altersheim der AWO und eine Schule.

- angeblich sollen 25 Personen beschäftigt werden, indem sie in ein Programm kämen, das im Austausch mit der Schule stattfindet. Dort sollen sie eine Tischler-/Gärtnerlehre beginnen

a) einige Leute sind weitaus höher qualifiziert

b) die Bewohner beklagen, keinen Zugang zu Sprachkursen zu haben

c) Wer entscheidet? Man merkt eine deutliche ‚Hierarchie‘ bzw. Bevorzugung des Personals einzelner Personen gegenüber anderen

- Die Mitarbeiter sind eindeutig überfordert. Anscheinend soll der ‚Heimleiter‘ 1 zusätzliche Bürokraft in seiner Position bekommen

- Es gab seitens der Geflüchteten 2 versuchte Protestaktionen. Als die Anzahl von 150 auf 200 Personen angestiegen war, entschieden sie sich für eine Spontandemo. Diese führte zu Sanktionen der Gruppe, welche die Demonstration durchführte. Als Reaktion entschied sich die Leitung für einenn kurzfristigen Info-abend mit den Seelower Anwohnter*innen und dem Landrat, die Frage bleibt offen, ob die Geflüchteten sich dabei selbst repräsentieren konnten. Vor zwei Tagen entschieden sie sich für eine weitere Spontanaktion. Mit Plakaten und Handzettel auf denen ‚Wir möchten uns bei Ihnen herzlich für alles bedanken.. Von ganzem Herzen, Ihre syrischen Mitbürger‘ zogen einige Bewohner durch die Straßen und verteilten diese mit je einer Blume an die Seelower Bürger*innen. Die Reaktion der Bürger*innen kann nur als ein Armutszeugnis angesehen werden. Die Geflüchteten wurden beschimpft oder ignoriert.

Die Zustände sind bereits beim ersten Anblick menschenunwürdig. Selbst die Feldbetten sind zum Teil brüchig und es taucht immer wieder der Satz auf: ‚Sie halten uns schlimmer als Tiere, wir wollen hier raus!‘ und ‚Wir werden hier noch alle verrückt, die Leute können nicht mehr schlafen‘

Es muss unbedingt Druck auf Träger und Land ausgeübt werden, sowie mehr Mobilisierung nach außen stattfinden. In Brandenburg scheint die Problematik sich zusehends anzuspannen, ein zweites Heidenau muss verhindert werden. Dringend notwendig: politischer Druck von außen, regelmäßige Besuche und Hilfe zur Selbstorganisation der Geflüchteten, sodass ein Protest/Streik effektiv werden kann.

https://linksunten.indymedia.org/de/node/155384