Reinickendorf sperrt sich gegen Flüchtlingslager

14.10.15 Berliner Zeitung
In einer früheren Fabrik an der Hennigsdorfer Straße in Reinickendorf sollen rund 1000 Asylsuchende unterkommen. Doch Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) tritt auf die Bremse. Die Anwohner hätten Vorbehalte gegen das Projekt.

Auf dem Gelände ist weit und breit niemand zu sehen. Nur ein junger Mann kehrt Laub zusammen. Regelmäßig werde das Areal gereinigt und würden Reparaturen durchgeführt, sagt er am Mittwoch, und tatsächlich sieht das Gelände so aus, als sei es gerade erst verlassen worden. Das Pförtnerhaus und das schwere Gittertor vor dem Eingang strahlen in kräftigem Blau. Selbst der Plattenbau daneben wirkt neu. Ein grüner Kantinenanbau scheint zum Essen einzuladen. Dahinter stehen große Fabrikhallen.

Noch vor knapp zwei Jahren stellte die Firma Tetra Pak an der Hennigsdorfer Straße in Reinickendorf Pappkartons her. Nach dem Willen des Senats soll hier nun möglichst schnell ein Aufnahmelager für Flüchtlinge öffnen. Das etwa 45.000 Quadratmeter große Areal liegt am Stadtrand, fast schon in Brandenburg. In der Umgebung stehen viele Einfamilienhäuser, eine Vorstadtidylle nahe dem Nieder Neuendorfer See. Auf einem Schild am Eingang des früheren Fabrikgeländes steht: „Herzlich Willkommen“.

Frank Balzer jedoch spricht keinen Willkommensgruß aus. Der Bezirksbürgermeister von Reinickendorf ist vor allem skeptisch. Er wolle sich dem Handlungsdruck des Senats nicht beugen, sagt der CDU-Politiker. „Die Aufregung im Ortsteil ist riesig“, erzählt Balzer. Die Anwohner hätten Vorbehalte gegen eine Flüchtlingsunterkunft. Er traut auch den Aussagen seines Parteifreundes, CDU-Sozialsenator Mario Czaja, nicht, dass dort nur 1 000 Asylsuchende eine Notunterkunft finden sollen. Er selber glaube eher, am Ende würden es über doppelt so viele sein.

Brandschutzgutachten fehlt

In Balzers Augen ist das Gebäude als Flüchtlingsunterkunft nicht geeignet. Die Toiletten seien zwei Jahre nicht benutzt worden. Niemand wisse, ob die Lüftungsanlage für so viele Menschen ausreiche, ob die Tore funktionierten, ob der Brandschutz gewährleistet sei. So lange der Senat kein entsprechendes Gutachten vorlege, werde er dem Vorhaben nicht zustimmen, sagt Balzer. Auch er wolle Flüchtlingen helfen, „aber nur, wenn ein Mindestmaß an Sicherheit gewährleistet ist und rechtliche Auflagen eingehalten werden“.

Eine Besichtigung des Aufnahmelagers auf dem Messegelände am Funkturm, die Czaja kürzlich extra für Reinickendorfer Politiker organisiert hat, scheint Balzer nicht überzeugt zu haben. In der Messehalle 26 wurden binnen weniger Stunden 500 Ikea-Doppelstockbetten, Duschzelte und Toilettencontainer aufgebaut und mit mobilen Aufstellwänden für die erschöpften Menschen ein Mindestmaß an Privatheit ermöglicht. Die Organisation der Unterkunft funktioniert gut. Der Malteser Hilfsdienst erarbeitete als Betreiber zusammen mit Flüchtlingen eine Hausordnung, sorgte für einen Gebetsraum, Flächen zum Austoben und ein Spielzimmer. Heimleiter Matthias Nowak zeigte sich bei der Besichtigung stolz, doch die Reinickendorfer ließ dieses Positiv-Beispiel offenbar kalt. Sie blieben bei ihrer Haltung.

Langfristig plant Krawinkel dort den Bau von Wohnungen

Projektentwickler Christian Krawinkel kann das überhaupt nicht verstehen. Der Chef der CKV Vermögensverwaltung, der unter anderem am Mediaspree-Projekt beteiligt war und dort einen guten Ruf hatte, bereitet seit geraumer Zeit den Kauf des alten Tetra Pak-Geländes vor. Er übernimmt es von der britischen Hansteen-Holding, faktisch gehört es ihm schon. Langfristig plant Krawinkel dort den Bau von Wohnungen, doch nun stürzt er sich erst einmal auf das Flüchtlingsprojekt. „Ich möchte gerne etwas Gutes tun“, sagt er. Mit dem Senat sei er in Kontakt, man habe verabredet, dass er das Gebäude dem Land vorübergehend für eine „ganz vernünftige Miete“ überlasse.

Anders als Balzer hält Krawinkel das frühere Fabrikgebäude für nutzbar. „Es eignet sich ideal“, sagt er. Es gebe ausreichend Duschen und Sanitäranlagen, Räume für eine Krankenstation oder Schulungen, Büros für die Registrierung der Flüchtlinge, eine Kantine und 400 Spinde, die man als Schließfächer nutzen könne. Natürlich gebe es eine Liste mit Dingen, die in Ordnung gebracht werden müssten. Aber in rund sechs Wochen könne das Gebäude bezogen werden, sagt er.
Nun muss Mario Czaja nur noch Bürgermeister Balzer überzeugen. Oder ihm eine Weisung erteilen.

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