Immobiliengeschäfte mit der Angst vor Flüchtlingen

22.10.15 Die Welt

„Achtung, Ihre Eigentumswohnung ist bald nur die Hälfte wert, verkaufen Sie schnell – Flüchtlinge ziehen in Ihre Nachbarschaft!“ So wirbt ein Makler in Berlin und handelt sich großen Ärger ein.

Wilmersdorf ist ein ruhiger, gutbürgerlicher Berliner Stadtteil, eine beliebte Wohngegend. Vor einer Woche wurde dort in der Bundesallee in einem leer stehenden Sparkassengebäude eine Registrierungsstelle für Flüchtlinge eröffnet. Sie wurde dringend benötigt, denn sie soll das überlaufene Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in Moabit entlasten.
Den Anwohnern in Wilmersdorf flatterte jetzt ein Schreiben eines Maklers in die Briefkästen. Auf dem Briefkopf steht die Immobilienfirma „Stadt und Raum“.

Makler Uwe Fenner schreibt: „Sehr geehrte Eigentümer … Was denken Sie, was Ihre Wohnung noch wert ist – in einem halben Jahr.“ „Wir wollen hier keinen einzigen Flüchtling diskriminieren“, heißt es. Nun ist bekannt, wie solche Sätze enden. Uwe Fenner schreibt weiter: „… Aber die Nachricht von Gewalttaten in Flüchtlingslagern, von Einbrüchen, Diebstählen und einfach der Nachbarschaft mit vielen, vielen insbesondere jungen Männern, die nichts zu tun haben … Wir wissen einfach, dass sich die Wohnungspreise in der Nachbarschaft solcher Großeinrichtungen im Nu halbieren.“ Er rät jedem Eigentümer jetzt sofort zu verkaufen – natürlich an ihn.
Dieser Flyer soll laut Berliner Medien an rund 150 Haushalte verteilt worden sein. Viele Menschen sind wütend, wie der Makler versucht, Angst vor Flüchtlingen zu schüren, um damit Geld zu verdienen. Anwohner Georg Bassenge sagt gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Ich finde es widerlich, aus der Notsituation der Flüchtlinge Kapital schlagen zu wollen.“ Der Protest regt sich auch im Netz:
Der Zeitung sagt der Makler, er hätte nur seinen Job machen wollen. Immerhin müsse er Geld verdienen und mit 72 Jahren noch arbeiten. Die Aktion hat er inzwischen eingestellt. Die Maklerfirma „Stadt und Raum“ will sich gegenüber der „Welt“ lieber nicht zu dem Flyer äußern.

„Die Immobilienpreise steigen eher“
Der Wilmersdorfer CDU-Abgeordnete Stefan Evers ist entsetzt: „Das ist eine widerwärtige Aktion“, sagt der Vizefraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus der „Welt“. Er erzählt, ein Anwohner habe ihm das Schreiben in die Hand gedrückt mit den Worten: „Das geht ja wohl gar nicht.“ Evers habe anfangs nicht glauben können, dass der Flyer echt sei. Doch er habe es geprüft. „Das sind dumpfe Parolen, die als Brandbeschleuniger wirken können“, sagt er. „Es sind auch Lügen. Nicht ein einziger Flüchtling steht gerade vor der neuen Registrierungsstelle in der Bundesallee.“
„Eine widerwärtige, unsinnige Aktion“, sagt Dirk Wohltorf vom Immobilienverband Deutschland Berlin-Brandenburg. „Ein Irrer, der probiert, an Wohnungen zu kommen.“ Ihn verärgert auch, dass der Makler schreibt, er könne Interessenten die Wohnungen trotz ihres halben Wertes noch zum alten Preis verkaufen. „Das wäre ja Betrug“, sagt Wohltorf. Jährlich zögen Zehntausende Menschen nach Berlin, jetzt kämen noch die Flüchtlinge hinzu, die auch Wohnungen benötigen: „Die Immobilienpreise steigen da eher.“
Der Makler Uwe Fenner ist eine schillernde Person. Einst mit seiner Internetfirma Midat ein Vorzeigeunternehmer, der in Potsdam „Jahreszeitengespräche“ mit Prominenz wie Designer Wolfgang Joop organisierte. Er habe „Glamour“ nach Potsdam gebracht, schwärmte der ehemalige Bürgermeister Matthias Platzeck.
Doch dann verkaufte er das Unternehmen, es gab eine Razzia bei einem seiner Empfänge, der Staatsanwalt ermittelte wegen Subventionsbetrug. Uwe Fenner ist seitdem als Stilberater und Benimmcoach, in der Personalberatung und offenbar auch als Makler aktiv.
Fenner entschuldigte sich für sein Verhalten. Seinen Posten als Vize-Vorsitzender des Berliner Landesverbandes der „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (Alfa) stellte er am Donnerstag zur Verfügung und zog sich ganz aus der neuen Partei von Ex-AfD-Chef Bernd Lucke zurück. Der Berliner Alfa-Vorstand begrüßte die Entscheidung.

http://www.welt.de/finanzen/immobilien/article147906465/Immobiliengeschaefte-mit-der-Angst-vor-Fluechtlingen.html