B.Z.: Wie Vermieter in Berlin Flüchtlinge abzocken

28.10.15 B.Z.

Das Lageso zahlt für die Unterbringung von Flüchtlingen bis zu 50 Euro pro Person und Nacht. Skrupellose Vermieter nutzen das aus. B.Z. traf einen von ihnen in Neukölln.

Schon wieder so ein mieses Geschäft mit den Ärmsten: Am Lageso kleben die Abzock-Vermieter ihre Flyer. Angeblich bieten sie Flüchtlingen ohne Dach über dem Kopf einen Platz in einer Notunterkunft an. Die B.Z.-Reporter haben den Test gemacht: Hilfe sieht wohl anders aus.

Ein graues Mietshaus in der Silbersteinstraße in Neukölln, zehn Minuten vom Hermannplatz entfernt. Hier warten die B.Z.-Reporter mit ihrem neuen syrischen Kollegen, der dringend in Berlin eine Wohnung sucht. Es regnet, die Kälte zieht an diesem Herbstnachmittag durch Mark und Bein.

Der Vermieter, mit dem wir spontan zu einem Besichtigungstermin verabredet sind, lässt zwei Stunden auf sich warten. Im Hausflur des vier Parteien-Wohnblocks ist eine Videokamera installiert.

Nachdem wir vor Nässe und Kälte total durchgefroren sind, erscheint der Eigentümer des Hauses: ein arabisch, türkisch und deutsch sprechender Herr um die 50. Er zeigt unserem Kollegen, der vor sechs Monaten aus Syrien floh, eine Zweizimmerwohnung im zweiten Stock (ca. 55 Quadratmeter).

„Wichtig ist mir, dass Sie hier nicht nur alleine einziehen. Eine Familie mit mindestens vier Personen wäre mir lieber“, sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs. Warum? „Weil die Kapazität ganz ausgelastet sein soll“, so der Eigentümer. Sie haben doch eine Kostenübernahme vom Lageso, oder? Die brauche ich, vorher geht hier gar nichts“, sagt er forsch.

Hintergrund: Das Lageso zahlt für die Unterbringung von Flüchtlingen bis zu 50 Euro pro Person und Nacht, macht bei einer vierköpfigen Familie monatlich 5600 Euro. Bei der Vermietung dürfen jedoch keine beengten Wohnverhältnisse entstehen. Ist die Wohnung mit vier Personen belegt, müssen ihnen laut Lageso drei Wohnräume und mindestens 65 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen.

In zwei Zimmern der Wohnung liegen Müll und alte Klamotten, zwei alte vergilbte Matratzen liegen auf dem Boden. An einigen Wänden hat sich Schimmel gebildet.

„Was kostet denn die Wohnung normalerweise, wenn Sie nicht an Flüchtlinge vermieten“, fragt die Reporterin. „Ich kann Ihnen das so nicht sagen. Mailen Sie mir die Papiere und dann erstelle ich Ihnen ein Angebot“, sagt er und fügt hinzu: „Ich muss hier hohe Nebenkosten und Steuern zahlen. Da kann ich kein Minusgeschäft machen.“

Ob die Wohnung noch renoviert und möbliert wird, wollen wir wissen. „Also das geht natürlich nicht von heute auf Morgen. Sie können gern sofort einziehen, aber die Möbel kommen dann nach und nach.“ Wir vereinbaren, dass wir die Papiere vom Lageso noch an diesem Abend mailen und er dann ein Angebot bekommen.

Die Not unseres Kollegen ist groß. Momentan wohnt der 25-Jährige in einem Flüchtlingsheim mit 12 anderen Männern in einem Zimmer. Wir sind wütend, dass diese unerträgliche Situation von anderen Menschen so übel ausgenutzt wird. Erst kürzlich hatte die B.Z. über die miesen Abzock-Mieten bei Flüchtlingen berichtet, für die das Land Berlin zahlt.

Wie können solche miesen Geschäfte mit Flüchtlingen künftig verhindert werden? Die B.Z. fragte beim Lageso nach und erfuhr: “Der von Ihnen genannte Anbieter ist dem Lageso bereits bekannt. Er steht auf einer ‘schwarzen Liste’ von offenbar unlauteren Wettbewerbern, denen bis zum Abschluss einer gründlichen Überprüfung durch das zuständige Referat des Lageso nichts gezahlt wird”, sagte ein Sprecher der Behörde.

Thomas Gleißner, Sprecher der Caritas Berlin, sagte: „Das ist entsetzlich. Diese Ausbeute werden wir nicht akzeptieren. Wir werden uns intern sofort darum kümmern, dass vor solchen Flyern künftig gewarnt wird.“

http://www.bz-berlin.de/berlin/neukoelln/wie-vermieter-in-berlin-fluechtlinge-abzocken