Turnhallen als Notunterkünfte sorgen für Verärgerung

5.11.15 Berliner Zeitung

Eigentlich war die Unterbringung von Flüchtlingen in Turnhallen als Ausnahmeregelung gedacht. Doch nun wird die Notmaßnahme immer mehr zur Regel. Das sorgt bei Sportlern und Bezirkspolitikern zunehmend für Ärger. Auch Bildungssenatorin Scheeres übt Kritik.

Mittlerweile 15 Turnhallen in Berlin dienen zur zeitweisen Unterbringung von Flüchtlingen. Tendenz: steigend. Deswegen kritisiert der Landessportbund (LSB) den Innen- und Sportsenator Frank Henkel (CDU). Henkel setze sich in der Debatte um die Unterbringung von Flüchtlinge nicht stark genug für den Sport ein. „Das Ergebnis ist enttäuschend“, sagt LSB-Sprecher Dietmar Bothe.

Auch aus den betroffenen Bezirken kommen Kritik und auch Warnungen wegen der Umfunktionierung der Hallen. So sagt Pankows Bürgermeister Matthias Köhne (SPD): „Die Einschränkung des Schul- und Vereinssportes fördert nicht gerade die Akzeptanz in der Bevölkerung.“ Köhnes Neuköllner Kollegin Franziska Giffey (SPD) spricht von wachsendem „Unmut in der Bevölkerung.“

Halle ohne Vorankündigung belegt

Jüngstes Beispiel für eine Umfunktionierung war die Halle des Oberstufenzentrums der Marcel-Breuer-Schule an der Driesener/ Ecke Malmöer Straße in Pankow. Die Halle war am Dienstagabend belegt worden. Ohne Vorankündigung, wie Bürgermeister Köhne betont. Dort wurden zunächst 127 Flüchtlinge untergebracht, Platz ist für bis zu 200 Menschen.

Der Schulsport wurde reduziert

Als Notunterkünfte dienen in Pankow die Hallen des Kollwitz- und Schliemann-Gymnasiums, die Halle Malmöer Straße und die des Primo-Levi-Gymnasiums. In Zehlendorf sind es die Cole-Sports-und die Sochos-Halle.
In Neukölln beeinträchtigt die Belegung der Jahn-Halle den Unterricht an vier Schulen. Außerdem ist die Doppelstockhalle von da-Vinci-Gymnasium und Heinrich-Mann-Schule in Buckow beschlagnahmt.
Als Wartehalle für das Lageso wird die Halle der Dohm-Schule in Moabit genutzt. Auch Hallen von zwei Oberstufenzentren in Weißensee und Wilmersdorf sind nun Notunterkünfte. Sport findet in weiter entfernten Hallen statt.
Köhne reagierte empört. „Es ist vollkommen unverständlich, warum der zuständige Senator für Gesundheit und Soziales nicht in der Lage ist, andere Gebäude als Flüchtlingsunterkünfte herzurichten“, sagt Köhne. Das Bezirksamt erwarte von Sozialsenator Mario Czaja (CDU), dass die vier Pankower Hallen, die dem Schul- und Vereinssport bereits entzogen wurden, unverzüglich wieder zur Verfügung gestellt werden.
Im Übrigen zeigt sich Köhne sperrig: „Eigene Sporthallen wird das Bezirksamt dem Senat nicht mehr zur Verfügung stellen.“

Nur noch zwei statt drei Stunden Sport pro Woche

Unklarheit herrscht derzeit über die exakte Zahl der derzeit belegten Hallen. So meldet die Sozialverwaltung, dass unter den 45 Notunterkünften 14 Turnhallen seien, der LSB nennt die Zahl 15. Insgesamt gibt es in der Stadt ungefähr 1 000 kommunale Sporthallen. Davon seien freilich längst nicht mehr alle für den Sport geeignet, sagt der Sportbund.
Derzeit sind zwei Hallen für den Spitzensport am Olympiapark mit Flüchtlingen belegt, ebenso die Columbiahalle in Neukölln sowie eine bisher von der Polizei genutzte Einrichtung in der Wackenbergstraße in Pankow. Hinzu kommen mittlerweile elf Hallen, in denen ansonsten Schul- und Vereinssport stattfindet.
Auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sieht das Vorgehen der Sozialverwaltung kritisch. „So etwas ist nur in Ausnahmefällen möglich. Zunächst müssen alle anderen Möglichkeiten zur Unterbringung geprüft und ausgeschlossen worden sein.“ Wie berichtet, gibt es an einigen Schulen nur noch zwei statt drei Stunden Sport pro Woche. Oberste Priorität haben Oberstufenschüler. Hier müsse die Benotung des Sportunterrichts für das Abiturzeugnis sichergestellt sein.

Giffey im Kanzleramt

Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey brachte das Thema sogar im Bundeskanzleramt an. Am Donnerstag war die Kommunalpolitikerin zu Gast bei Kanzlerin Angela Merkel – ein Gegenbesuch zu Merkels Visite in der Neuköllner Röntgen-Schule im Mai. „Ich habe von der Situation vor Ort berichtet, von der Situation in den Turnhallen, die für die Unterbringung eingezogen werden“, berichtet Giffey. Die Kanzlerin habe zugesagt, auch zu prüfen, wie die Bundeswehr unterstützen könne.
Vielleicht wird ja bei der Gelegenheit auch über die Julius-Leber-Kaserne in Reinickendorf gesprochen. Auch diese wird immer wieder als Notunterkunft für Flüchtlinge ins Spiel gebracht.

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