FAZ eine Nacht im Notlager

6.11.15 FAZ: Eine Nacht im Notlager

6. November 2015. Ruhig wird es nie in der Flüchtlingsunterkunft in Berlin: Menschen kommen und gehen. Immer wieder gibt es Spannungen. Und die Helfer sagen: Dem Land stehe ein Marathon bevor. Geschafft seien erst wenige Kilometer.

Für Journalisten ist es gegenwärtig nicht ganz leicht, sich über die Zustände in deutschen Flüchtlingsunterkünften zu informieren. Wenn überhaupt, werden sie dort zumeist nur unter Aufsicht eines Ministers oder anderer Offizieller für eine kurze Stippvisite zugelassen. Das Bild, das sich ihnen dabei zeigt, dürfte verzerrt sein. Allein deshalb, weil die einen, ob Flüchtlinge oder Helfer, in Gegenwart von mutmaßlich wichtigen Leuten dazu neigen, die Dinge zu beschönigen. Andere hingegen fühlen sich zur Dramatisierung verleitet. Natürlich wird man, ohne selbst Flüchtling zu sein, nie wissen können, wie sich ein Flüchtling fühlt. Ein bisschen helfen dürfte aber, wenn man längere Zeit am Stück in einer Unterkunft verbringen könnte, vielleicht sogar dort übernachten. Aber dieses Ansinnen wird von den meisten Politikern erst recht zurückgewiesen.

Dafür gibt es verständliche Gründe. Ein Landesministerium argumentierte gegenüber dieser Zeitung mit dem „Respekt vor den Menschen, die hier aus einer Notsituation heraus schlafen müssen“. Das Gegenargument: Wenn Journalisten jede Berichterstattung über Menschen in Notsituationen einstellen würden, könnten sie ihren Job auch ganz bleiben lassen. Ein zweiter Grund, der von der Politik häufig angeführt wird: Man wolle in der Bevölkerung keine Ängste schüren. Auch das verständlich. Allerdings gibt man damit ungewollt auch denen Recht, die behaupten, Politiker und Journalisten würden den Leuten irgendetwas verschweigen. Jedenfalls war es kein Wunder, dass derjenige, der uns schließlich doch dazu einlud, über Nacht in einer Notunterkunft zu verbringen, kein Politiker war, sondern ein hauptamtlicher Helfer: der Malteser Matthias Nowak.

Wir sehen ihn zum ersten Mal am vorvergangenen Freitag vor der Berliner Messehalle 26, in der sonst zum Beispiel die „Grüne Woche“ stattfindet. Seit einem Monat sind hier mehr als tausend Flüchtlinge untergebracht. Neben Nowak steht Herthinho, das brasilianischstämmige Maskottchen von Hertha BSC. Es ist vom nahen Olympiastadion herübergekommen, um ein bisschen Farbe und Flausch in den Tag der Flüchtlingskinder zu bringen. Fotos sind in der Flüchtlingsunterkunft ein heikles Thema. Schon zwei Fotografen sind tätlich angegriffen worden, weil sie Aufnahmen von den Leuten gemacht haben, ohne sie vorher zu fragen. Jetzt, mit Herthinho, ist es okay. Sollen ja auch möglichst viele wissen, dass sich der Fußballverein mitmenschlich engagiert. Ein Fotograf sagt zu den Kindern „Spaghetti!“ oder „Cheese!“ – was man in Deutschland bei solchen Gelegenheiten eben so sagt. Ein besonders aufgeweckter Junge reckt die Faust in den grauen Berliner Himmel und ruft, als der Fotograf auf den Auslöser drückt: „Allahu akbar.“

Diejenigen, die den Tag damit zubringen, ihre Wut und ihre Ängste in Internetforen abzuladen, würden jetzt wahrscheinlich sagen: „Allahu akbar – so geht’s doch schon los.“ Oder: „Noch sind wir hier in Deutschland!“ Nowak hingegen hat genug anderes zu tun. Bis zum Sommer war er noch ganz normaler Pressesprecher der Malteser, zuständig für Nord- und Ostdeutschland. Dann kam der erste Einsatz in der Flüchtlingshilfe. Der war noch mehr oder weniger nebenbei zu stemmen. 40 unbegleitete männliche Minderjährige schlugen damals bei den Maltesern in Berlin auf, mussten untergebracht und versorgt werden. Erschwerend hinzu kam, dass gerade Ramadan war. Das heißt, die jungen Leute aus Syrien und vom Balkan haben die Nacht zum Tag gemacht. Wir fragen Nowak: „Wäre es nicht angemessen, dass sich die Gäste an die Schlaf- und Essensgewohnheiten derer anpassen, die ihnen helfen?“ Da widerspricht Nowak vehement. Was bleibe den Menschen denn noch, wenn sie geflohen sind und noch nicht einmal ihre Familie bei sich haben? „Nur ihr Glaube.“

Richtig ernst wurde es dann am 2. Oktober. Um 13 Uhr, als die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk gerade die Messehalle 26 herrichteten, wurden die Malteser vom Berliner Senat gefragt, ob sie die Unterkunft übernehmen könnten. Bedenkzeit? Eine Stunde. „Uns wurde die Pistole auf die Brust gesetzt“, sagt Nowak. Um 14 Uhr willigten sie ein, Nowak war bereit, die Leitung der Unterkunft zu übernehmen. So sei wohl sein innerer Kompass, sagt er. „Ich sehe eher die Chancen und versuche anzupacken, während andere vor allem die Risiken wahrnehmen und dumpf grölend durch Dresden rennen.“ Vielleicht habe es aber auch etwas mit dem Jahr 1992 zu tun. Als Radioreporter war er damals in Rostock-Lichtenhagen, wo Rechtsextremisten, geduldet oder sogar angefeuert von Zuschauern, ein von Vietnamesen bewohntes Haus mit Molotowcocktails in Brand setzten. Das wolle er in Deutschland nie wieder erleben, sagt Nowak.

Dreieinhalb Stunden, nachdem er zugesagt hatte, um 17.30 Uhr, waren die ersten Flüchtlinge da. Knapp 300. Seitdem schiebt Nowak 18-Stunden-Schichten, im Bewusstsein, das wieder ins Lot bringen zu müssen, was die Politik verbockt hat. Er will dazu nicht viel sagen. Nur: dass Hilfsorganisationen schon vor mehr als einem Jahr darauf hingewiesen hätten, wie viele Leute kommen würden; dass die Politik viel zu spät reagiert habe; dass immer noch mit zu niedrigen Zahlen hantiert werde. Und dass die Berliner Verantwortlichen ein besonders unrühmliches Beispiel abgäben. „Deutschland steht ein Marathon bevor. Wir sind vielleicht bei Kilometer drei. Unseren Rhythmus haben wir noch nicht gefunden“, sagt Nowak.

Man darf davon ausgehen, er hätte uns nicht eingeladen, wenn er nicht glauben würde, dass es in seiner Notunterkunft vergleichsweise gut laufe. Tatsächlich wird auch von anderen bestätigt, dass die Malteser Erstaunliches leisten. Zum einen sozial: Gemessen an dem, was man sich an Konflikten und Problemen vorstellen kann, wenn mehr als tausend Menschen unter diesen Umständen zusammen leben, ist bisher ziemlich wenig passiert. Zum anderen logistisch: Innerhalb von zwei Tagen standen die Trennwände, die den Leuten ein Mindestmaß an Privatsphäre garantieren sollen. Die Duschcontainer waren nach fünf Tagen da, und inzwischen wird weit mehr angeboten, als in solchen Notunterkünften üblich ist, Deutschkurse etwa oder Yoga für Kinder. Auch das Team aus 30 hauptamtlichen und 170 ehrenamtlichen Helfern scheint schon gut eingespielt zu sein. Viele Migranten sind darunter, was aus sprachlichen und emotionalen Gründen wichtig ist.

Für den Pragmatismus und den Humor sind eher die Ur-Berliner zuständig. Als uns Dirk Rosenzweig, hauptamtlicher Helfer, sieht, fragt er: „Na?! Auch über die Westbalkanroute gekommen?“ Nowak verschweigt allerdings auch die Probleme nicht: Frauen würden zum Teil von den Männern anderer Frauen unsittlich berührt oder beleidigt. Den Männern müsse man mühsam beibringen, dass man Ehefrauen nicht schlägt, und den Eltern, dass das auch für die eigenen Kinder gilt. Der Umgang untereinander könne sehr ruppig werden, vor allem Afghanen und Albaner neigten zum Lamentieren und Ausfahren der Ellbogen, während bei den Syrern die Dankbarkeit überwiege. Wobei offenbar schwer zu sagen ist, wer tatsächlich Syrer ist. Denn es kommt häufig vor, dass die Leute ohne Papiere in der Notunterkunft ankommen.

Tricksereien sind auch sonst an der Tagesordnung. Es gibt solche der eher schelmischen Sorte. Ein Junge an der Kleiderausgabe etwa bekommt mit Filzstift die Nummer „9“ auf seinen Handrücken gemalt. Als Zeichen, dass er an neunter Stelle an der Reihe ist. Und was macht er? Er dreht die Hand um und sagt, er sei die Nummer „6“. Problematischer ist schon, dass, wie Nowak weiß, mit den Bändchen, die die Neuankömmlinge ums Handgelenk bekommen, draußen gehandelt wird. Dasselbe wird mit der gespendeten Kleidung versucht. Dass außerdem die Hygiene ein Problem ist, sieht man in den Dusch- und Toilettencontainern. Zwar hängen bildliche Beschreibungen auf den Klos, wie korrekt vorzugehen sei, aber das spielt sich in der Regel erst nach ein paar Wochen ein – und dann haben die Leute die Notunterkunft schon wieder verlassen.

Nowak bekommt einen Anruf auf seinem Handy – die Politik ist am Apparat. Offenbar will der zuständige Senator vorbeischauen, Leute durchführen und das Modellprojekt präsentieren. Wie aber wird eine Unterkunft zum Modellprojekt? „Wir haben die niedrigste Polizeirufquote. Die Polizei musste erst ein einziges Mal anrücken“, sagt Nowak. Dabei wurden schon zwei Fotografen tätlich angegriffen. Nowak sagt dazu: „Sorry, da erstatte ich keine Anzeige. Die waren selber schuld. Das ist die arabische Mentalität. Die Polizei wird erst gerufen, wenn Waffen im Spiel sind.“ Gleich in den ersten Tagen hat Nowak Vertreter verschiedener Flüchtlingsgruppen zusammengerufen, um mit ihnen gemeinsam eine Hausordnung zu erstellen. Sie hängt inzwischen überall aus und reicht von „Nicht im Gebäude rauchen“ über „Keine Gewalt anwenden“ bis hin zu „Lärmbelästigung vermeiden“. Wer einmal dagegen verstößt, wird verwarnt. Passiert es ein zweites Mal, muss er die Unterkunft verlassen. Wohin diese Leute dann gehen, weiß Nowak nicht. Teilweise sind es Familien mit kleinen Kindern. Das ist hart. Aber es hilft nichts. „Manchmal muss man innerlich die Mauer hochfahren, sonst hält man das nicht aus“, sagt Nowak.

Jeden Tag gehen Leute, die meisten, wenn sie registriert sind, um dann in feste Unterkünfte weiterzuziehen. Jeden Tag kommen aber auch neue an. Immer morgens meldet Nowak dem Senat, wie viele freie Betten er hat. Abends kommen dann die Busse, meistens aus Bayern, manchmal mit Menschen, die dachten, sie seien eigentlich auf dem Weg nach München. Zu den Fahrern der Busse haben die Malteser vor deren Ankunft keinen Kontakt. Sie haben schlicht deren Telefonnummern nicht. Eine Kleinigkeit, möchte man meinen, aber sie kann zu großem Verdruss führen. Einmal war ein Bus für 23 Uhr angekündigt. Er kam um halb fünf Uhr morgens.

Bevor wir in die Flüchtlingsunterkunft gingen, haben wir überlegt, wie wir uns am besten anziehen sollten. Ist das zynisch – zu denken, dass man mit einem kleinen Rucksack unter den Flüchtlingen weniger auffallen könnte als mit einem großen? Mit einem alten Pullover weniger als mit einem Jackett? Nowak hat vorgeschlagen, wir sollten durch den ganz normalen Aufnahmeprozess durchgehen, ihn jedenfalls simulieren. Aufnehmen heißt hier: Name, Alter, Herkunft. Dann gibt es das Bändchen: grün für Singles, blau für Familien. Dirk Rosenzweig lacht, als er von unserem Plan hört. „Glaubt ihr wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, fragt er. Wie Nowak spricht auch er von den Flüchtlingen ausschließlich als „Gästen“ und setzt hinzu: „Unsere Gäste könnten sich provoziert fühlen.“ Ein gebürtiger Perser, der ebenfalls für die Malteser im Einsatz ist, sagt: „Schon euer deutsches Aussehen ist Provokation genug. Schlimmer kann es durch das Bändchen auch nicht mehr werden.“

Drei Mal am Tag wird in Halle 26 Essen gereicht. Morgens, mittags, abends. Die Theke ist noch die von der Grünen Woche, der Caterer auch. Die Verpflegung ist nicht üppig, aber selbst für verwöhnte Deutsche allemal in Ordnung. Jetzt ist Abendessenszeit. In einer Unterkunft in Kassel-Calden hat das Anstehen fürs Essen zu einem Konflikt zwischen einem Albaner und einem Pakistaner geführt, daraus wurde eine Massenschlägerei. Ausschließen, dass hier so etwas passiert, kann niemand. Ein Iraker aus Mossul, der wie wir aufs Essen wartet, sagt: „Seht doch mal in die Gesichter. Ein Knopfdruck an der richtigen Stelle – und sie explodieren.“ So weit kommt es nicht. Die Leute bilden artig eine Schlange, die bei Nudeln mit Rindergulasch endet. Das ist ein Fortschritt. „Vor ein paar Tagen standen die Gäste hier noch im Pulk“, sagt Rosenzweig. „Aber seit ihnen glaubhaft versichert wurde, dass keiner leer ausgeht, klappt es.“

Der Iraker setzt sich beim Essen neben uns auf die Bierbank. Er spricht gut Englisch. Die, die das nicht tun, meiden sowieso den Kontakt. Er erzählt von seiner Heimat, seinen Eltern, seiner früheren Fakultät an der Universität von Mossul. Er sei Ingenieur, habe per Mail darum gebeten, dass man ihm sein Abschlusszeugnis schickt – die Terrormiliz „Islamischer Staat“ habe es verboten. Der Iraker lobt die Malteser und beschwert sich über die Behörden. Er komme aus einem Kulturvolk, aber bei der Registrierungsstelle, dem Lageso, also dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, werde man behandelt wie ein Tier.

Das mag extrem formuliert sein, aber die Beschwerden über das Lageso, vor dem übrigens der ermordete Flüchtlingsjunge Mohamed verschwand, hört man so oft, von Helfern wie von Flüchtlingen, dass viel Wahres dran sein muss. Andere Dinge, die der Iraker erzählt, sind seltsam. Man wird nicht recht schlau aus ihm. Neben ihm sitzt ein anderer Iraker. Er ist aus Bagdad und spricht nicht so gut Englisch. Es reicht aber, um auf zu zählen, welche Bevölkerungsgruppen sich in der Unterkunft anständig aufführen, welche nicht. Wenn nicht alles täuscht, bildet sein Urteil ziemlich genau den innermuslimischen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten ab. Als er Musik hört, wendet er sich ab: In einer entfernten Ecke der 10.000 Quadratmeter großen Messehalle hat sich eine kleine Berliner Band eingefunden, die auf Bossa Nova und Jazz spezialisiert ist. Sie hat sich freiwillig gemeldet, um, wie es die Sängerin sagt, ein bisschen „Brot für die Seele“ zu verteilen. Doch das wird nur bedingt angenommen. Nach wenigen Liedern drängen die Zuhörer ans Mikrofon, um selbst zu singen. Der persische Malteser hört ganz genau hin. Er ist einst vor den Mullahs geflohen, hat eine sehr kritische Haltung zum Islam. Mit Blick auf den Iraker am Mikrofon sagt er: „Im Moment singt er von der Liebe zu einer Frau. Wenn es dann um die Liebe zu Gott geht, muss man aufpassen. Wir wollen hier keine Extremisten.“

Gegen zehn Uhr sind die meisten derer, die sich tagsüber die Beine vor dem Lageso in den Bauch gestanden haben, wieder da. Sie sitzen um die Handyaufladestationen, die nach Männern und Frauen getrennt sind, manche kicken noch ein bisschen mit Bällen, die Herthinho dagelassen hat. Wieder andere haben sich in ihre Schlafbereiche zurückgezogen, die sie zum Teil zu Trutzburgen ausgebaut haben. Ruhig wird es nie. Immer mal wieder werden Leute mit dem Taxi vom Hauptbahnhof gebracht, das Geld dafür bekommen die Fahrer vom Land erstattet.

Um elf taucht wie aus dem Nichts noch eine albanische Mutter mit ihren drei Kindern auf. Ob sie weiß, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach wieder in ihre Heimat zurück muss? Gegen halb zwölf legen auch wir uns in unsere Ikea-Stockbetten. Sie sind in Ordnung. Schlafen fällt trotzdem schwer. Vor allem wegen der Geräuschkulisse. Nebenan ein Klack-Klack oder Ritsch-Ratsch. Um zwei Uhr nachts kommen dann noch zwei neue Gäste in unseren Schlafbereich. Man sieht nur ihre Gesichter, die von ihren Handydisplays angestrahlt werden. Sie geben sich keine Mühe, leise zu sein. Wahrscheinlich haben sie auf ihrer Flucht erlebt, dass es Schlimmeres gibt als ein bisschen Lärm in der Nacht. Am nächsten Tag, als wir gerade aus dem Bad kommen, das nur die Helfer benutzen dürfen, hören wir, es habe in der Nacht einen Polizeieinsatz gegeben. Nun also schon der zweite. Ein Brandschutzbeauftragter hatte ein Geräusch gehört, Klack-Klack oder Ritsch-Ratsch. Außerdem hatte er gesehen, wie ein Flüchtling dazu eine Handbewegung machte, als würde er eine Pistole durchladen. Als ihn dann die Polizei mit vorgehaltener Waffe aufforderte, er möge sich von seinem Bett erheben, da zeigte sich: Er hatte sich mit einer kleinen Maschine Zigaretten gestopft.

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