Jüterborg: Ansteckende Flüchtlinge? Bürgermeister blamiert sich im Interview

Jüterborg: Ansteckende Flüchtlinge? Bürgermeister blamiert sich im Interview

Auf Jüterbogs Internetseite und bei Facebook warnt er vor Ansteckungsgefahr durch Flüchtlinge. Doch eine Ärztin, auf die sich Raue beruft, hat das offenbar gar nicht gesagt.

Empörung über Bürgermeister Arne Raue (45, parteilos). Auf der Internetseite der Stadt Jüterbog (Teltow-Fläming) warnt er vor ansteckenden Krankheiten bei Flüchtlingen. Doch eine Ärztin, auf die er sich beruft, hat das offenbar gar nicht gesagt.
Unter der Überschrift „Warnung vor Infektionskrankheiten“ teilt Raue den 12.500 Einwohnern mit: „Ich bin heute schriftlich durch eine Ärztin als Bürgermeister darauf hingewiesen worden, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht.“
Grundlose Panikmache, sagt Brandenburgs Gesundheitsministerium. Sprecherin Marina Ringel (56): „Flüchtlinge sind nicht ansteckender als Deutsche. Vor der Verteilung auf die Gemeinden wird jeder untersucht und, falls nötig, geimpft. Trotz verfünffachter Asylbewerberzahlen gibt es keinen starken Anstieg von Infektions-Krankheiten.“
B.Z. fragte beim Bürgermeister nach. Kennt er Fälle von Ansteckungen in Jüterbog? Raue: „Nein.“
Warum schürt er dann Angst vor Flüchtlingen? Raue: „Eine Ärztin, die ich regelmäßig für die Stadt beauftrage, hat mir fast wörtlich diese Mitteilung zukommen lassen. Ihren Namen gebe ich nicht preis.“ Was steht im Arztschreiben? Raue zitiert: „’Einige Krankheiten können durch die räumliche Nähe verstärkt auftreten: diese, diese, diese …‘ Schreibt das Robert Koch-Institut.“
Aber wo steht, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht? Raue sucht und sucht: „Das kann ich jetzt nicht finden …“ Nach minutenlanger Suche ruft er: „Hier steht: ‚geringfügiger Kontakt‘!“
In welchem Zusammenhang? Raue liest vor: „‚Anlässlich der aktuellen Situation der Asylbewerber und ausländischen Flüchtlinge würden wir gern mit Ihnen eine Aufstellung erarbeiten, in der alle Mitarbeiter aufgeführt sind, die Kontakt zu oben genannten Personengruppen haben oder zukünftig haben werden. In Klammern: auch geringfügiger Kontakt.’“
Klartext: Die Ärztin will nur eine Mitarbeiter-Liste. Von „Infektionsgefahr schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen“ ist keine Rede. Die Krankheitswarnung hat Raue selbst verfasst. Er beendet das Gespräch. Seine Mitarbeiterin verspricht, B.Z. den Arztbrief zu senden. Später sagt sie: „Den Brief rückt Herr Raue nicht raus.“
Hat der Bürgermeister etwa seine Bürger getäuscht? Arne Raue ist dazu nicht mehr zu sprechen.

http://www.bz-berlin.de/berlin/umland/ansteckende-fluechtlinge-buergermeister-blamiert-sich-in-interview