So leben die Flüchtlinge im Flughafen-Hangar

25.11.2015 Morgenpost
Tempelhof: So leben die Flüchtlinge im Flughafen-Hangar

Der Berliner Senat quartiert nun doch Flüchtlinge in den Flughafen Tempelhof ein. Er könnte bald Deutschlands größte Notunterkunft sein

Das Gebäude und das Gelände sind ebenso riesig wie geschichtsträchtig. In den Hallen des Berliner Flughafens Tempelhof nieteten einst Arbeiter die Kampfbomber der Nationalsozialisten zusammen, auf den Rollbahnen landeten nach dem Krieg im Minutentakt die Rosinenbomber der Amerikaner zur Versorgung des blockierten West-Berlins. Nun hoffen in den alten Hangars Tausende Flüchtlinge auf ein neues Leben.

Das Gebäude wird mit seinen sieben Hangars komplett belegt. Es entsteht eine Flüchtlingsunterkunft in der Dimension einer Kleinstadt. In den ersten drei bewohnten Hangars spielen Kinder auf dem Steinboden zwischen dicht gestellten Zelten, Trennwänden und Doppelstockbetten. Mit Holzlatten fechten sie Schwertkämpfe aus, bis einer der vielen Wachmänner, die friedliches Zusammenleben garantieren sollen, sie vertreibt. In langen Reihen hocken Männer an den Wänden, trinken Tee aus weißen Plastikbechern, unterhalten sich und behalten ihre Smartphones im Auge.

Zu Weihnachten werden es schon 5000 Bewohner sein
2300 Flüchtlinge schlafen derzeit auf engem Raum in den drei Hallen. Jede ist mehr als 100 Meter lang, knapp 20 Meter hoch und mit gewaltigen Schiebetüren versehen, durch die früher Flugzeuge rollten. Ab Mitte Dezember sollen drei weitere der insgesamt sieben Hangars bezogen werden. Weihnachten dürften dann fast 5000 Menschen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Ex-Jugoslawien dort leben.
Eigentlich sollen sie nach zwei Wochen Wohnplätze in Gemeinschaftsunterkünften erhalten. Das klappt nicht immer. Vor einer der Hallen berichtet ein rauchender junger Mann aus Syrien, er wohne bereits drei Wochen hier. Die Langeweile zwischen den drei Mahlzeiten sei schlimm, genauso wie die Enge von 20 Menschen in einem der vielen Zelte. Gemeinschaftsräume sind selten, in den Zelten und den mit Messestellwänden improvisierten Schlafräumen gibt es keine Tische und Stühle.
Gedränge herrscht bei der Essensausgabe oder wenn es um warme Winterkleidung geht. In der Kleiderkammer neben dem Hangar 1 arbeiten freiwillige Helfer. Sie sortieren säckeweise gespendete Kleidung: Kleider, Hosen, Pullover, T-Shirts, Strümpfe, Handschuhe, Mützen, Schuhe und Schals. Das meiste ist gewaschen und gefaltet. Aus manchen Säcken riecht es streng.
In den Kleiderregalen sieht man Mangel und Überfluss auf einen Blick. Die Fächer für Männerhosen und Pullover in den Größen S und M sind leer. Auch lange Röcke sind knapp. Frauenkleidung ab L stapelt sich. Die meisten Flüchtlinge sind Männer, eher kleiner als der Durchschnittsdeutsche.
An mehreren Tischen geben die Helfer Kleidung aus. Eine Familie aus Afghanistan kam am Vortag mit acht Kindern. „Das hat auch Vorteile“, erzählt ein Helfer. „Egal welche Größe ich aus den Regalen geholt habe, das hat immer gepasst.“ Ein kleines Mädchen zeigt immer wieder auf einen Teddy. Als sie ihn schließlich von einem Helfer bekommt, umklammert sie ihn mit beiden Armen.
Konflikte kommen vor, sind aber selten. „Bei mir war ein Mann ziemlich unfreundlich und nervig, immer wieder wollte er, dass wir andere Hosen holen“, berichtet eine etwa 40 Jahre alte Helferin. „Ich habe innerlich geflucht, aber nichts gesagt.“

Anfangs war der Ort den Asylbewerbern unheimlich
Nicht alle Flüchtlinge sind Frauen gegenüber rücksichtsvoll. Vor der Kleiderausgabe bilden sich automatisch zwei Schlangen, getrennt nach Geschlechtern. Die Schlange der Frauen, alle mit Kopftuch, ist lang, das Warten dauert, nicht für alle gibt es Kleidergutscheine. Die Männerschlange ist kurz. Neuankömmlinge wollen trotzdem sofort einen Gutschein. Keine der Frauen beschwert sich. Kulturelle Lernprozesse sind an vielen Stellen nötig. Vor den WC-Containern und Dixie-Toiletten auf dem Rollfeld hängen gedruckte und gemalte Hinweisschilder: Bitte nicht mit den Füßen auf die Toilettenschüssel hocken, bitte nicht auf den Boden davor, das Toilettenpapier nicht in den Papiermüll werfen. Mütter waschen Kleinkinder im Freien über Pfützen. Zum Duschen geht es mit Bussen zu einem Schwimmbad. Die Grünen nannten die hygienischen Zustände prompt „menschenunwürdig“.
Anfangs war es einigen Flüchtlingen unheimlich, ausgerechnet auf einem Flughafen zu wohnen. „Sie hatten Angst, direkt wieder abgeschoben und ausgeflogen zu werden“, erzählt ein Helfer. Aber geflogen wird in Tempelhof schon lange nicht mehr, auch gebaut werden darf nach dem Volksentscheid vom Mai 2014 nicht.
Aber der Senat will das Gesetz ändern und bis Dezember 2019 „Unterkünfte für Flüchtlinge“ zulassen. Die Kleinstadt könnte dann auf bis 8000 Menschen anwachsen – und die Ränder des kilometerlangen Flugfeldes mit Hallen bebaut werden. Ob dieser Plan bei den Koalitionsfraktionen von SPD und CDU durchgeht, ist offen.
In der SPD sind viele dagegen, das erst vor anderthalb Jahren beschlossene Volksgesetz für ein freies Feld zu ändern. Wichtige Abgeordnete wollen dem Plan des Senats in der jetzigen Form nicht zustimmen. „Es ist das erste Volksgesetz in Berlin“, sagte die baupolitische Sprecherin Iris Spranger. Ihr liegt viel daran, sich mit den Initiatoren des Volksentscheids zu einigen. Die Initiative sieht in den Senatsplänen einen „Betrug am Bürger“.
Die CDU drängt darauf, dass erst andere Standorte für Unterkünfte genutzt werden. „Das Feld sollte die letzte Option sein, nicht die erste“, sagte etwa CDU-Fraktionsvize Stefan Evers und forderte Konzepte darüber, was der Senat an den vier vorgesehenen Standorten vorhat.

http://www.morgenpost.de/berlin/article206719997/Tempelhof-So-leben-die-Fluechtlinge-im-Flughafen-Hangar.html