Zelte, WCs, Catering – Das Geschäft mit den Flüchtlingen

6.12.2015 Morgenpost
Durch die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge profitieren etliche Firmen. Allerdings müssen die Investitionen oft vorfinanziert werden.

Für die Losberger GmbH läuft es derzeit prima. Die Firma aus Bad Rappenau in Baden-Württemberg verkauft oder vermietet Zelte für Veranstaltungen und Feste. Und neuerdings auch für Flüchtlinge. Mehrere Ausschreibungen hat das Unternehmen deutschlandweit gewonnen. Die weißen Zelte von Losberger stehen nun auch vor der Ausländerbehörde am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit. Mit Beleuchtung und Heizung sollen sie den Wartenden ein wenig Komfort bieten.

Für die drei gemieteten Zelte plus WC-Anlagen erhält Losberger vom Land Berlin 190.000 Euro über einen Zeitraum von sechs Monaten. Die Bilanz des 800-Mitarbeiter-Betriebs: Aus dem ohnehin schon guten Geschäftsjahr ist durch die Flüchtlingskrise ein sehr gutes geworden. „Natürlich profitieren wir von der aktuellen Situation“, sagt ein Sprecher. „Wir haben den Markt nicht gesucht, der Markt kam zu uns“, so der Sprecher weiter. Um die große Nachfrage zu befriedigen, wird jetzt sogar im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet.

Rund 50.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr bereits nach Berlin gekommen. Aus ihrer Versorgung ist ein riesiger Markt entstanden: Unterkünfte, Verpflegung, Kleidung, Möbel, Transport, Sicherheit, Betreuung. Produkte wie Duschkabinen oder Wohncontainer sind kaum noch zu bekommen. Ikea meldet Lieferengpässe bei günstigen Matratzen und Etagenbetten. Die Spandauer Filiale des Textildiscounters KiK hat nach eigenen Angaben große Mengen an warmen Jacken, Hosen und Mützen verkauft, die dann an Flüchtlingskinder in der Unterkunft Motardstraße verteilt wurden.

Caterer lassen sich von der Küche Nordafrikas inspirieren
Für jeden Flüchtling in einer Notunterkunft gibt der Senat allein 9,64 Euro pro Tag für die Mahlzeiten aus. Das ruft die Catering-Firmen auf den Plan. „Im Zuge der gestiegen Anzahl an Flüchtlingen ist das Liefervolumen 2015 erheblich gestiegen“, sagt ein Sprecher von apetito. Die AG aus Nordrhein-Westfalen beliefert acht Unterkünfte in Berlin mit Tiefkühlkost. Als gewinnbringend wertet das Unternehmen auch, dass es gezwungen war, seine Produkte den Essgewohnheiten der Flüchtlinge anzupassen und sein Angebot auszuweiten. So wurden sieben neue Gerichte entwickelt, die „von der Küche Nordafrikas und des Nahen Ostens inspiriert“ sind.

Viele Firmen geben zu ihrer Rolle in der Flüchtlingskrise keinen Kommentar ab. Wer möchte schon gern als Profiteur dastehen? Wie umfangreich das System an Dienstleistern und Unternehmen aber ist, zeigt sich am Beispiel der Unterkünfte. Die Prisod GmbH betreibt 14 Einrichtungen in Berlin. In jeder werden eine Vielzahl an Zulieferern herangezogen, vom lokalen Bäcker bis zur Handwerksfirma. Zudem hat das Unternehmen Sozialarbeiter eingestellt und sucht nach weiterem Personal. All das wird von dem Tagessatz bezahlt, den der Senat pro Flüchtling entrichtet. Pro Bewohner sind das laut Prisod durchschnittlich 15 Euro. Bei insgesamt 4500 Flüchtlingen nimmt der Betreiber so mehr als 2 Millionen Euro im Monat ein.

Das klingt verlockend, und natürlich gibt es auch schwarze Schafe, die die Krise ausnutzen. Wie berichtet, gibt der Senat keine Hostel-Gutscheine mehr aus, weil einige der Betreiber zu Höchstpreisen vermieteten, die Bedingungen in den Hostels aber menschenunwürdig waren. Doch das große Geschäft haben die Betreiber der Not- und Gemeinschaftsunterkünfte nach eigenen Angaben noch nicht gemacht. Im Gegenteil. Die Einnahmen decken überwiegend nur die Kosten, der überwiegende teil des Gewinns werde in den Aufbau neuer Unterkünfte reinvestiert, sagt Prisod-Sprecherin Susan Hermenau. Viele Betreiber müssen Kredite aufnehmen, um eine Unterkunft zum Laufen zu bringen.

Viele Betreiber sind in Vorleistung gegangen
Aus unternehmerischer Sicht schwierig sind auch die zum Teil sehr kurzen Laufzeiten der Verträge, die kaum Planungssicherheit bieten. Und oft gibt es gar keine Verträge. Ein Großteil der Aufträge wird aus Zeitnot nicht ausgeschrieben, sondern direkt vergeben. Eigentlich ein unsägliches Wagnis für die Auftragnehmer. Und das größte Problem: Viele Betreiber haben noch keinen Cent vom Senat erhalten und sind stattdessen in Vorleistung gegangen. Wie berichtet, beläuft sich die Summe der ausstehenden Rechnung des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) auf 200 Millionen – möglicherweise sogar mehr.

Rund 135 Millionen Euro hat der Senat 2014 für Flüchtlinge ausgegeben – dieses Jahr wird es mehr sein. Die größten Summen fließen in den Bau neuer Flüchtlingsunterkünfte. So will der Senat etwa 24.000 weitere Plätze schaffen. Pro Person wird für den Neubau oder die Herrichtung von Gebäuden mit 25.500 Euro pro Platz kalkuliert. Den Finanzbedarf beziffert der Senat auf 612 Millionen Euro. Ende des Jahres erfolgt der Zuschlag für die ersten zwölf Modulbauten. Doch auch in diesem Segment herrscht Unmut.

Peter Bonitz war in Berlin am Bau von Unterkünften beteiligt. Seine Firma CHB handelt mit Containern, 1650 davon kaufte der Senat, um vier Containerdörfer in Pankow, Lichtenberg und Köpenick zu errichten. Gesamtvolumen: 23 Millionen Euro. Bonitz musste eine Bürgschaft aufnehmen, um die Lieferung zu stemmen. Doch eine Million Euro hat der Senat laut Unternehmen noch nicht bezahlt. Die Begründung: Die Türen seien im Notfall nicht breit genug für einen Fluchtweg. Bonitz zufolge kam diese Vorgabe aber viel zu spät. Bis jetzt hat sich das Geschäft mit der Flüchtlingskrise für Bonitz nicht gelohnt. Aktuell schreibt er gerade mal eine „rote Null.“

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