Berliner Kurier: Das Geschäft mit der Krise

23.01.2016 Das Geschäft mit der Krise


Der Eigentümer dieses heruntergekommenen, verfallenen Plattenbaus im Prenzlauer Berg beantragte beim Bezirk eine Umnutzung von Gewerbe in eine Flüchtlingsunterkunft.

Seit Jahren steht das fünfstöckige Bürogebäude in Steglitz nahezu leer. Mieter finden sich nur schwer. Zur Flüchtlingsunterbringung jedoch wäre es ideal. Viele einzelne Zimmer, Waschbecken und Sanitärräume sind vorhanden, nur Duschen müssten eingebaut werden. Der Eigentümer kennt die Not der Stadt Berlin. Und den damit drastisch gestiegenen Wert seiner Räumlichkeiten. Büros, die er sonst wie sauer Bier anbietet, sind plötzlich begehrt.

Der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz kennt solche Fälle aus der ganzen Stadt. „Für freie Flächen in Gewerbeimmobilien werden mittlerweile Fantasiepreise aufgerufen, über die man nur noch lachen und den Kopf schütteln kann. Die Stadt steht unter enormen Druck und das treibt den Preis massiv nach oben.“ Der KURIER zeigt Beispiele, wo mit Flüchtlingen Geld verdient wird. Ohne den Betreibern unterstellen zu wollen, sie hätten es vordergründig auf das Geld abgesehen.


In der neuen „Event Arena Spandau“ sollen demnächst mehr als 600 Flüchtlinge
untergebracht werden. Die Besitzer stellten die Halle zur Verfügung. Der Mietvertrag läuft bis Ende Dezember 2018.

Beispiel Event Arena Spandau: Eine Reisemesse und ein Box-Abend. Viel mehr passierte in der Paulsternstraße nicht. Ab Februar sollen hier rund 650 Flüchtlinge einziehen. „Wir sehen uns in der sozialen Verantwortung gegenüber dem Land Berlin und den ehrlichen Asylbegehrenden und Kriegsflüchtlingen“, heißt es in einem Schreiben der Gesellschafter. Für einen schmalen Taler wurde die Halle jedoch doch nicht überlassen. Nach KURIER-Informationen wurde hart um jeden Euro gepokert.

Beispiel Greiswalder Straße 80B: Der DDR-Plattenbau, ein Bürogebäude, direkt an der Ringbahn, ist eine Ruine. Eine Sanierung würde womöglich Hunderttausende Euro kosten. Dennoch hat der Eigentümer beim Bezirk Pankow eine Umnutzung zur Flüchtlingsunterkunft beantragt. Vielleicht auch, weil sich mit garantiertem Geld der öffentlichen Hand besser mit Banken verhandeln lässt? Allein in Pankow gibt es pro Monat fünf Umnutzungsanträge. Der Stadtrat Jens-Holger Kircher (Grüne): „Da laufen einige mit Euro-Zeichen in den Augen durch die Gegend.“

Beispiel Große Hamburger Straße 20: Eine Berliner Top-Gegend mit horrenden Mieten. Angeblich wohnen hier (zusammen mit Nummer 21 und dem Haus Oranienburger Straße 11, alles die gleichen Eigentümer) 64 Flüchtlinge. Zumindest suggeriert dies eine im Hausflur aushängende Liste. Laut Anwohnern sind viele minderjährig und kamen unbegleitet nach Mitte. Angenommen der Eigentümer würde den Höchstsatz von 50 Euro für jeden Asylbewerber bekommen, wären dies insgesamt 3200 Euro. Wohlgemerkt pro Tag! In Berlin soll es zudem mehrere Ferienwohnungen geben, in denen auf 100 Quadratmetern zehn Flüchtlinge untergebracht (mit Halbpension und Betreuung) sind. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Denn wie viel man mit Flüchtlingen einnehmen kann, wird nach und nach immer mehr Immobilienbesitzern bewusst.

Beispiel Lützowufer: Laut Einschätzung des Mietervereins stehen in der Hauptstadt „aus spekulativen Gründen“ bis zu 5000 Wohnungen leer. Goldgruben. Zumal die Stadt bisweilen fast das Doppelte der durchschnittlichen Kaltmiete von 7,85 Euro/Quadratmeter zahlt. Wie am Lützowufer. Hier sollen 150 Flüchtlinge untergebracht werden, für 200 Quadratmeter zahlt Berlin 360 000 Euro pro Jahr.

Beispiel Aap-Hotel: In der Allee der Kosmonauten (Marzahn) soll es eine Überbelegung geben. Dies berichten mehrere Flüchtlings-Initiativen. Nach KURIER-Informationen ist der Senat im gesamten Stadtgebiet auf der Suche nach großen Hotelkontingenten, die gebucht werden können. Ein Insider: „Das ist immer noch billiger, als Turnhallen herrichten zu lassen.“ Selbst freie Flächen helfen nicht weiter. Zum einen müssen sie erschlossen werden und es gibt ein Problem mit der Beschaffung von Containern. „Versuchen Sie mal in Deutschland einen Container zu kaufen. Noch dazu zu einem akzeptablen Preis. Die Preise, genau wie die der Sicherheitsfirmen, sind in den letzten Monaten explodiert.“

Beispiel Berlichingenstraße: Hier droht 33 wohnungslosen Männern aus einem Wohnheim in Moabit zum 31. Januar die Zwangsräumung. So soll der neue Betreiber planen, in dem Haus eine Unterkunft für Flüchtlinge einzurichten. Die Mutmaßung: Dadurch könnte sich der Profit um einhundert Prozent steigern.

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